Kalenderreformer, Naturwissenschaftler und Komponist












Ein Schalttag und ein 400. Jahrestag – das musste etwas Besonderes hervorbringen: Am 29. Februar 2012 schmetterten in der 6. Stunde Bläserfanfaren über den Martinshof und ein strahlender Schulleiter verkündete den bereits versammelten Scharen von CG-lern einen einzigartigen Gast: Christophorus Clavius, der Namenspatron unserer Schule ist da!

Standesgemäß grüßte der gelehrte Mann im schwarzen Gewand und mit schwarzem Birett auf dem Haupt auf Latein: Salvete discipulae discipulique! Und sofort ging die Frage an OStD Funk, was denn der Grund der dringlichen Einladung wäre: ein Hilferuf oder eine Feierlichkeit?

Es ging natürlich um den 6. Februar 1612 und den 400. Todestag eines der größten Mathematiker und Astronomen des ausgehenden 16. Jahrhunderts und so bat der Schulleiter den Gast um einen kurzen biographischen Überblick über sein Leben. Der gelehrte Mann mit dem latinisierten Namen für „Schlüssel“ wuchs in Bamberg auf und trat mit 17 Jahren dem Jesuitenorden bei. Seine Studien absolvierte er in Portugal und in Rom, wo er bis an sein Lebensende als Professor für Mathematik und Astronomie wirkte. Als Leiter der neu eingerichteten vatikanischen Sternwarte befasste er sich mit den Lehren von Nikolaus Kopernikus und Johannes Kepler und diskutierte viel mit seinem Freund Galileo Galilei.

Von OStD Funk auf die Schule angesprochen, die seinen Namen trägt, zeigte sich der höchst agile Ordensmann bestens informiert und lobte die vielfältigen Aktivitäten im Bereich der Naturwissenschaften, der Literatur, des Theaters, des Sportes. Besonders faszinierte den einstigen „Computisten“ (Kalenderrechners) der spielerische Umgang unserer Schülerinnen und Schüler  mit dem Computer.

Auf seine Mitwirkung bei der großen Kalenderreform Papst Gregors XIII im Jahr 1582 angesprochen, erläuterte Clavius gerne das damalige Problem und seine bis heute gültige Lösung. Bei dem damals gültigen julianischen Kalender blieb das Kalenderjahr 11 Minuten und 12 Sekunden hinter dem Sonnenjahr zurück, was zu seiner Zeit bereits eine Differenz von 10 Tagen ausmachte. Heute wären es bereits 13 Tage und 8 Stunden. Das bedeutete eine deutliche Verschiebung der Jahreszeiten und der festen Feiertage. Clavius’ Lösung war ebenso einfach wie radikal: Er strich Anfang Oktober 1582 einfach 10 Tage: Auf den 4. Oktober folgte der 15. Oktober. Klar, dass ihm das nicht nur Freunde einbrachte! Für die Zukunft musste auch noch geplant werden: Die Schalttage alle 4 Jahre waren etwas zu viel, so dass Clavius kalkulieren musste: „Ich errechnete, dass die glatten Hunderter-Jahreszahlen keine Schaltjahre sein dürften, sondern nur solche, die durch 400 teilbar sind. Ansonsten sollte wie bisher alle 4 Jahre ein Schalttag eingefügt werden.“ Und sogleich examinierte der Mann mit dem silbernem Bart, dem manche eine gewisse Ähnlichkeit mit dem ehemaligen stellvertretenden Schulleiter Paul Wasserscheid nachsagten, beherzt die vor ihm stehende Schülermenge.

Zum Abschied bat OStD Funk noch um Ratschläge des gelehrten Herrn, welche dieser nicht eine Sekunde schuldig blieb: "Praeeuntem imitamini et aemulamini! Ahmt mich, der ich euch vorausgegangen bin, nach, wetteifert mir, dem Verstorbenen, nach! Schüler hängt euch rein, seid fleißig! Es gibt nichts Schöneres und Wertvolleres als zu lernen, Fragen zu stellen, den Dingen auf den Grund gehen, zu studieren und zu forschen!“ Und den politisch Verantwortlichen schrieb es ins Stammbuch, sie sollten gute Bedingungen für Lehrer und Schüler schaffen, vor allem aber den bevorstehenden Umbau möglichst zügig durchziehen.

Er versicherte dem Schulleiter, dass er gewiss – wie er es schon zu Lebzeiten immer für Bamberg getan habe – für unsere Schule beten würde. Und für die Schülerinnen und Schüler  erbat sich der Gelehrte den Erlass aller schriftlichen Hausaufgaben für diesen Nachmittag, was ihm selbstverständlich unter dem Jubel der Schülerschaft zugesagt wurde.

Zum Abschied erteilte er noch seinen Segen – natürlich auf Latein: „Ich danke Ihnen und vor allem euch, meinen lieben Schutzbefohlenen! Deus vobiscum sit! Gott schütze und segne euch! Valete!“

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Noch während die Bläser zum Abschied musizierten, eilten die Klassleiterinnen und Klassleiter mit weißen, quadratischen Kartons herbei. Darin befanden sich süße Mondkrater – nüchterne Menschen würden dazu auf Denglisch „Muffins“ sagen – kleine Gebäckteile, die daran erinnerten, dass ein ziemlich großer Mondkrater nach unserem Namenspatron benannt ist. Die Bäckerfamilie Seel hatte sich für die 1300 süßen Teilchen die ganze Nacht um die Ohren geschlagen!

Derweil hatte sich der Gast im Direktorat noch den Fragen unseres Videoteams zu stellen,  denn natürlich wurde dieses Ereignis auch in einem Podcast festgehalten.

Das hieß nicht, dass der Clavius-Tag damit sein Ende gefunden hätte: Abends um 19 Uhr füllte sich die Aula mit geladenen Gästen, um mehr und Neues von Christophorus Clavius zu erfahren. Der Lehrerchor unter der Leitung von Heidi Poehlmann hatte eigens „Zu diesem schönen Feste des Namenspatronus“ ein Lied samt passendem Text einstudiert, der eine biographische Einführung überflüssig machte. Und zur Einstimmung in die damalige Zeit wurden noch drei Lieder aus jenen Tagen zu Gehör gebracht, bevor OStD Funk kurz die Umbenennung der alten OR in Clavius-Gymnasium nachvollzog. Was damals ein ziemlich knappe Entscheidung gewesen war, zeigt heute eine hohe Übereinstimmung mit dem Schulprofil: ein Jesuit, ein scharfer Denker, Mathematiker, Naturwissenschaftler, anerkannter Pädagoge, zudem gesegnet mit der Fähigkeit, Alltag und Mathematik lebendig zusammenzubringen.

Der Gast des Abends, Prof. Dr. Ulrich Heber von der Uni Erlangen/Nürnberg und Leiter der Remeis-Sternwarte in Bamberg, unternahm es auf wissenschaftliche und humorvolle Weise, Christophorus Clavius und seine Bedeutung dem Publikum näher zu bringen. Eigentlich, so der Physiker, könne er seinen Vortrag in einem Satz aus Bertolt Brechts Galileo Galilei zusammenfassen: „Clavius, der Gottesknecht, gab dem Galileo Recht“. Erfreulicher Weise holte er dennoch aus und informierte über Christophorus Clavius und den Zusammenbruch des Ptolemäischen Weltbildes, Clavius und die Kalenderreform von 1582, Clavius, den Mathe- und Astronomielehrer, und Clavius und die Vatikansternwarte. Auch wenn viele der Zuhörer nicht zu Prof. Hebers „klassischer Kundschaft“ gehörten, so blieben kaum Fragen offen und der Terminus Clavius als „Verkäufer“ der Kalenderreform hatte sich eingeprägt.

So steuerte der Abend auf zwei Premieren zu: Prof. Heber erhielt zum Dank die erste Flasche des exklusiven „Clavius-Weins“, jenes erfrischenden Escherndorfer Weißweins, der bereits beim 175-jährigen Jubiläum des CG so viele Freunde gefunden hatte. Nur 200 Flaschen davon sind im Bestand.

Die zweite Uraufführung war dann musikalischer Art, denn Clavius war wie viele seiner Kollegen ein universaler Gelehrter. Und so hatten es Wolfgang Armbrecht und Veit Meier es unternommen, eine Motette aus seiner Feder zur Aufführung zu bringen. Das Risiko lag darin, dass es keine Singstimmen dazu gibt und das Stück orchestral aufgeführt wurde. Doch, wer wagt, gewinnt und so wurde Clavius’ Stück zum musikalischen Sahnestückchen, bevor sich die Festgesellschaft dem geselligen Teil des Abends zuwandte.

Für die Schülerinnen und Schüler sowie Freunden des CG steht derzeit eine Vielzahl an Informationen über Christophorus Clavius und seine Zeit zur Verfügung. Vor allem im Geschichtsunterricht der Mittelstufe entstanden eine ganze Reihe von Schautafeln, die in Wort und Bild Auskunft geben, ebenso wie dies selbst erarbeitete Computerprogramme tun, die ein multimediales Arbeiten über den Namenspatron ermöglichen.

jas

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