Eine fremde Kultur ist auf einmal ganz nahe gerückt

Der erste Schüleraustausch einer Bamberger Schule mit einer Schule in China ist nun perfekt. Eine entsprechende Vereinbarung unterzeichneten Dr. Herbert Michelund Direktor Jiu von der Xiangshan-Highschool in einem feierlichen Akt vor einem großen Zahl von Offiziellen, Eltern und Schülern in der riesigen Aula der chinesischen Schule. Demnach werden alle zwei Jahre Schülergruppen aus der Stadt am Ostchinesischen Meer und aus dem CG einander besuchen.

Begonnen hatte der Austausch bereits im Juli, als die chinesische Delegation in Bamberg weilte. Nun reisten 32 Schülerinnen und Schüler der 10. und 11. Jahrgangsstufe nach China. Nach zehneinhalb Stunden Flug von Frankfurt landete die CG-Delegation mit OStD Dr. Michel, StRin Rieß und OStR Steidl als Begleiter in Shanghai und damit auch im Sommer. Unverzüglich wurde das Besichtigungsprogramm aufgenommen. Das hieß: mit dem Transrapid und 430 Stundenkilometern Richtung Innenstadt! Nach einem Ausblick vom Jin-Mao-Tower über die Stadt musste der Entdeckerdrang aller Reisenden sich in der abendlichen Lichterpracht auf der berühmten Nanjing-Road ausleben. Der nächste Vormittag begann mit einem sonnigen Spaziergang auf dem Bund, der alten Promenade am Huangpu-Fluss, bevor man sich im Shanghai-Museum ganz der chinesischen Kultur hingab. Am Nachmittag stand der Yu-Garten auf dem Programm, allerdings dürften die ersten Shopping-Erfahrungen in dem quirligen Häusergewirr der Umgebung genauso tief in der Erinnerung bleiben. Leider war die Zeit begrenzt, denn es musste mit der Fahrt nach Hangzhou noch eine ordentliche Wegstrecke in Richtung unserer Partnerstadt geschafft werden.

In Xiangshan, der aufstrebende Stadt südlich von Shanghai, wurden die CG-ler mit überwältigender Aufmerksamkeit und Herzlichkeit aufgenommen: Ein großes rotes Spruchband auf dem Zentralgebäude grüßte die Gäste bereits beim Betreten des Schulgeländes. Frau Wang, Vize-Bürgermeisterin der Stadt mit 700.000 Einwohnern, ließ es sich nicht nehmen, die Bamberger in einem Hotel willkommen zu heißen und die Lehrkräfte zu einem festlichen Abendessen einzuladen, bei dem wichtige Vertreter der Schule, der Schulbehörde und der Partei anwesend waren. Die Schule selbst, der Leiter des Schulamtes und – eine besondere Ehre – der Schulleiter in seinem privaten Haus gaben weitere abendliche Empfänge. Nicht nur die zahlreichen Ansprachen und Gespräche auch viele Toasts priesen die neue Freundschaft zwischen Bamberg und Xiangshan. Die Notwendigkeit von Schülerbegegnungen, das Bekanntschaft und die Vertrautheit auch weit entfernt lebender Jugendlicher wurde angesichts einer globalisierten und immer enger zusammenwachsenden Welt immer wieder hervorgehoben. Das große öffentliche Interesse an dieser Begegnung dokumentierte die Anwesenheit der örtlichen Presse: Dr. Michel musste einem Fernsehreporter Rede und Antwort stehen und fand sich auch sofort in der örtlichen Zeitung wieder, CG-Schüler wurden vom schuleigenen Fernsehen interviewt.

Die Schülerinnen und Schüler und ihre Lehrer hatten in der Woche in Xiangshan zahlreiche Möglichkeiten, die Partnerschule und das chinesische Schulsystem kennen zu lernen. Schon allein das riesige Areal mit den verschiedenen Einzelgebäuden, den großzügigen Sportanlagen und den weiten Freiflächen ließen bei den von altbekannter Raumnot geplagten Bambergern sofort den Ruf erschallen: „So was wollen wir auch!“ Das gilt ebenso für die Tatsache, dass für die 1047 chinesischen Schüler auch eine große Mensa, ein Lebensmittelladen und ein Schreibwarengeschäft zur Verfügung stehen. Beim Schulunterricht schwächte sich die Begeisterung dann ab: In allen Klassenzimmern wird zwar mit Beamern und Laptops gearbeitet, es geht darin aber recht eng zu – verständlich, wenn 50 Schülerinnen und Schüler in einem Raum unterrichtet werden. Auch die Unterrichtszeiten sind ungewohnt: Bereits kurz nach sieben Uhr sind die chinesischen Jugendlichen an ihrem Platz, um 7.50 Uhr beginnt der Unterricht, der von einer Gymnastik- und der Mittagspause unterbrochen wird. Abends um 17 Uhr endet der Unterrichtsbetrieb, allerdings tauchen um 19 Uhr wieder viele Jungen und Mädchen mit ihren charakteristischen weißen Trainingsjacken auf dem Campus auf, um freiwillig an Intensivierungsstunden teilzunehmen. In China gilt: Nur die Abschlussbesten können an die Eliteuniversitäten mit ihren Eingangstestes wechseln, und wer dort studiert, kann auf eine gute Anstellung hoffen. Die Jahresergebnisse und die erreichte Hochschule werden auf großen Tafeln vor dem Sportgelände dokumentiert. Direktor Jiu ist stolz auf seine 100-prozentige Abschlussquote und den weithin hervorragenden Ruf seiner Schule.

So verwundert es nicht, dass die CG-Schüler von ihren chinesischen Partnern unter der Woche recht wenig hatten und erst spät am Abend Zeit füreinander war. Dafür traf es sich sehr gut, dass in die Aufenthaltszeit der Bamberger auch ein Wochenende fiel, das die Jugendlichen ganz bei und mit ihren Gastfamilien verbrachten. Hier war nun reichlich Möglichkeit, Land und Leute kennen zu lernen. Und die Gasteltern legten sich dabei meist sehr ins Geschirr und zeigten eine rührende Fürsorge. In einem Fall sorgte ein kleiner Hustenanfall dafür, dass gleich der Notarzt vor der Türe stand. Erwartungsgemäß waren die Sprachbarriere – die meisten Erwachsenen sprechen noch kein Englisch – und die tägliche Ernährung die größten Herausforderungen. Je nach Temperament und Gastfamilie kamen die CG-ler gut damit zurecht, getreu den von Dr. Michel ausgegebenen Mottos: „Da müssen wir durch!“ oder „Dazu sind wir da!“ Auf jeden Fall ist die Beherrschung der Nahrungsaufnahme mittels Chopsticks, den Stäbchen, bei allen Beteiligten weit vorangeschritten, wie während der Ausflüge in die Umgebung Xiangshans zu beobachten war. So wurden eine Textilfabrik besichtigt, die hochwertige Ware auch für deutsche Sportartikelhersteller fertigt, die moderne Provinzhauptstadt Ningbo und eine Tempelanlage samt Wallfahrtsbetrieb. Auch ein Nachmittag an der Meeresküste war im Programm: Immerhin zeigte das Thermometer wohlige 25 Grad an, kein Wunder, liegt Xiangshan doch auf demselben Längengrad wie New Orleans, die andere Partnerstadt des CG. Etwas „Unterricht“ gab es in der Highschool dann auch für die Bamberger: Ein Erdkunde- und ein Geschichtslehrer gaben die wichtigsten Fakten zum Gastland und Direktor Jiu informierte über das Schulsystem und wichtige Feste im Jahreskreis. Besser kamen bei den Jugendlichen die Unterweisungen in Tai Chi und in der Kunst der Kalligraphie an.

Den Abschluss des Aufenthaltes bildete der anfangs schon erwähnte große gemeinsam gestaltete bunte Abend im Auditorium der Schule, das in seiner Größe einer deutschen Kleinstadt zur Ehre gereichen würde. Nach der Unterzeichnung des Partnerschaftsvertrages und der Signierung des Begrüßungsbanners durch alle am Austausch Beteiligten boten die Gastgeber exzellenten Chorgesang, Tanzvorführungen, traditionelle Instrumentalmusik und fetzige Popsongs. Die Bamberger Schüler hatten mit ihren Begleitern Studienrätin Anette Rieß und Oberstudienrat Josef Steidl das Frankenlied und „Nehmt Abschied Brüder“ sowie zwei Goethe-Balladen eingeübt und musikalische Beiträge selbst erarbeitet. Der Abschied am folgenden Tag führte nochmals Schüler, Lehrer und Eltern zusammen und als der Bus durch das Tor rollte, waren doch bei einigen deutliche Anzeichen von Rührung zu sehen.

Die folgenden Tage dienten dem weiteren Kennenlernen des Landes – nachdem die ersten Tage in China in der Metropole Shanghai verbracht worden waren – und seiner Sehenswürdigkeiten: eine Teeplantage, Gartenanlagen und der West-See in Hangzhou, die 1. Seidenfabrik und der Kaiserkanal in Souzhou und – nach einer Nacht im Schlafwagen – die Hauptstadt Peking mit ihren zahllosen neuen Hochhäusern und Autobahnen, Sportanlagen, Grünflächen und dem ständigen Verkehrschaos. Bei strahlendem Wetter standen alle Klassiker des Chinatourismus auf dem Programm: Paläste, Tempel, Gartenanlagen und natürlich als Höhepunkt der Ausflug zur Großen Mauer.

Am Ende zweier ereignisreicher Wochen bleiben nicht nur unzählige Eindrücke eines nicht mehr ganz so fremden Landes, tausende von Photos und doch einige zwiespältige Gefühle: Man hat ein Land kennen gelernt, das sich in einer furiosen Vorwärtsbewegung befindet, in dem offensichtlich vieles im Umbruch ist und von dem man vor allem die Sonnenseite gesehen hat, aber auch gleichzeitig viele Elemente von Armut und Unterentwicklung, die mit großer Energie zu überwinden das ganze Land sich offensichtlich vorgenommen hat.