Lieber ein Buch als Schokolade

Gedanken zur Leseförderung am CG anlässlich der Einweihung der Mediothek am Clavius-Gymnasium am 1.März 2007

von Dr. Herbert Michel

Sind junge Menschen so versessen auf Bücher, dass man sie ihnen wegnehmen muss? Ist das Lesen eine gefährliche  Sucht der Jugend, die man bekämpfen muss?

Hören Sie dazu folgenden Dialog:
„ Was tust du hier, mein Junge?“
„Nichts.“
„Warum stehst du dann da?“
„So.“
„Kannst du schon lesen?“
„O ja.“
„Wie alt bist du?“
„Neun vorüber.“
„Was hast du lieber: eine Schokolade oder ein Buch?“
„Ein Buch.“
„Wirklich? Das ist schön von dir. Deshalb stehst du also da.“
„Ja.“
„Warum hast du das nicht gleich gesagt?“
„Der Vater schimpft.“
„So. Wie heißt dein Vater?“
„Franz Metzger.“ ......
„Du hast schon viel gelesen?“
„Ja, ich lese immer. Der Vater nimmt mir die Bücher weg. Jetzt muss ich in die Schule..“
„Aha, da siehst du dir auf dem Schulweg die Buchhandlungen an? Wie heißt du denn selbst.“
„Franz Metzger. Wie mein Vater.“
Und wo wohnst du?“
„Ehrlichstraße vierundzwanzig.“
„Da wohn ich ja auch. Ich kann mich gar nicht an dich erinnern.“
„Sie sehen immer weg, wenn jemand über die Stiege geht. Ich kenne sie schon lange. Sie sind der Herr Professor Kein, aber ohne Schule. Die Mutter sagt, Sie sind kein Professor. Ich glaube schon, weil Sie eine Bibliothek haben.“ .........
„Schön, du darfst einmal in meine Bibliothek kommen. ...Ich zeig dir Bilder aus Indien und China.
„Fein. Ich komm! Ich komm` bestimmt. Heut nachmittag?“
„Nein, nein, mein Junge. Ich hab zu arbeiten. Frühestens in einer Woche.“
Professor Peter Kein, ein langer, hagerer Mensch, Gelehrter, Sinologe von Hauptfach, steckte das chinesische Buch in die volle Tasche, die er unterm Arm trug, verschloss sie sorgfältig und sah dem klugen Jungen nach, bis er verschwand.

Dieser kuriose Auftakt sind die ersten Sätze in Elias Canettis 1936 erschienenen Roman „Die Blendung“, für den er im Jahre 1981 den Nobelpreis für Literatur erhalten hat.

Professor  Dr. Kein, die Hauptfigur des Romans, ist im Unterschied zu uns Lehrern an diesem Gymnasium ein „Professor ohne Schule“, wie es im Text heißt. Er ist ein weltfremder Gelehrter und Biblioman, der durch eine 25000 Bände umfassende Privatbibliothek so etwas wie eine chinesische Mauer gegen die feindliche Welt des wirklichen Lebens zu errichten sucht. Vergeblich übrigens, da diese seine Gelehrtenwelt von einer Frau, der ungebildeten banausenhaften Haushälterin Therese erobert und am Ende des Romans buchstäblich in Asche gelegt wird.

Werfen wir einen Blick auf das seltene Exemplar eines Schülers, der ohne zu zögern, sich gegen die Schokolade und für ein Buch entscheidet. Der sich, man stelle sich vor, auf dem Schulweg die Auslagen der Buchhandlungen sehnsüchtig betrachtet. Der vom Angebot eines Gelehrten, seine Bibliothek zu besichtigen, noch am gleichen Nachmittag Gebrauch machen möchte. „Ja, ich lese immer. Der Vater nimmt mir die Bücher weg.“, beklagt sich der Schüler Franz Metzger.

Haben Sie ihren Kindern schon einmal Bücher wegnehmen müssen? Unter den 1570 jungen Menschen am Clavius-Gymnasium gibt es manchen, der morgens einmal zu spät kommt. Die Begründung, versunken vor dem Schaufenster einer örtlichen Buchhandlung gestanden zu haben, ist mir bislang noch nicht untergekommen.

„Was hast du lieber, ein Videospiel oder ein Buch?“ Einen heutigen Schüler Franz Metzger, der sich ohne nachzudenken, für das Buch entscheidet, ist schwer vorstellbar.

Seit der Veröffentlichung der legendären PISA-Studie müssen wir mit der ernüchternden Erkenntnis leben, dass deutsche Schüler in puncto Lesekompetenz höchst mittelmäßig abschneiden. Folgestudien haben ergeben, dass Heranwachsende immer weniger lesen, insbesondere wenn sie männlichen Geschlechts sind. Im Alter von 15 Jahren, das ergaben die Untersuchungen, lesen 54 % der Jungen nur, weil sie dazu gezwungen werden. Der Anteil der Leseverweigerer unter den Mädchen beträgt dagegen nur 26 %. Das ist - mit Verlaub gesagt - immer noch eine erschreckende Zahl. Erschreckende, ja niederschmetternde  Ergebnisse für eine Gesellschaft, in der offiziell der Mythos von der persönlichkeitsbildenden Wirkung des Lesens für jungen Menschen gepflegt wird?

Nun, PISA hat es an den Tag gebracht: Franz Metzger lebt heute nicht mehr. Seine Nachfahren interessieren sich für MP3-Dateien, für SMS und Podcasts, youTube-Dateien und nicht für chinesische Schriftzeichen und Bücher.

Tempora mutantur! So ist es eben, könnte man fatalistisch sagen. Jede Zeit hat ihre Medien. Diejenigen, die kulturkritisch klagen, das sind die Oldies, die meist die neuen Medien nicht beherrschen.

Welche Gründe diese Entwicklung hat, darauf ist hier nicht die Zeit, ausführlich einzugehen. Liegt es daran, dass die speziellen Informations- und Unterhaltungsbedürfnisse von Jugendlichen heute besser durch die elektronischen Medien bedient werden? Liegt es daran, dass die Erziehungsinstitutionen Elternhaus und Schule nicht die richtigen Angebote machen? Dass sie nicht dafür kämpfen, junge Menschen zum Lesen von Büchern zu verführen? Müssten wir gar, wie Herr Metzger in Canettis Buch, unseren Kindern bestimmte neue Medien verbieten?

Nun ich glaube, dass in all diesen kulturkritischen Befürchtungen, die in der öffentlichen Diskussion immer geäußert werden, ein Denkfehler enthalten ist. Es ist ein Fehler anzunehmen, dass es per se gute alte und schlechte neue Medien gibt. Solche, die junge Menschen bilden und beflügeln und solche, die ihre jungen grauen Zellen vernichten und sie im geistigen Dämmerzustand halten. Geistige Dumpfheit und intellektuelle Verwahrlosung ist allenfalls auf dumpfe Inhalte zurückzuführen und nicht darauf, in welchem technischen Medium dieselben dargeboten werden. Es ist eine Banalität, dass ich die Lebenserinnerungen von Dieter Bohlen als gewichtiges Buch erwerben und die Theorien des Physikers Stephen Hawking in Windeseile in digitaler Form beziehen kann. 

Es ist irreführend, zwischen Computernutzern mit „minderwertigen" Lesegewohnheiten und konzentrierten Buchlesern als zwei getrennten Gruppen zu unterscheiden. Interessanterweise gehören Jugendliche, die häufig Bücher lesen, überwiegend auch zu den Computer-Nutzern. Die Stiftung Lesen spricht hier von einer Art „Medienelite“, „die alle anderen Medien [...] deutlich stärker nutzt als die computer- und internetabstinenten Bevölkerungsschichten." Da Informationen auch im Internet vorwiegend textbasiert vermittelt werden, hängt die Medienkompetenz des Einzelnen hier eng mit seiner Lesekompetenz zusammen.

Doch ist auch –umgekehrt – jemand, der regelmäßig den PC nutzt, in der Regel ein guter Leser?

Leser von heute müssen mit dem Informationsüberfluss in der Mediengesellschaft zurechtkommen. Dies hat Auswirkungen auf ihr Rezeptionsverhalten. Es ist noch nicht hinreichend erforscht, wie sich die Rezeption digitaler Medien langfristig auf das Leseverhalten auswirkt. Die Stiftung Lesen konstatierte in ihrer Studie zum Leseverhalten eine starke Zunahme des flüchtigen Querlesens, sie spricht vom Lese-Zapping. Dies führt sie auf Rezeptionsgewohnheiten bei den anderen Medien zurück.

Das ist der Punkt, an dem es darum geht, über die Aufgaben der Schule zu sprechen. Die Schule, auch das ist nicht erst seit PISA klar, kann nur einen begrenzten Beitrag zur Vermittlung und Förderung von Lesekompetenz leisten. Weder die kognitiven Grundvoraussetzungen, die ein Kind mitbringt, noch die (Lese-) Sozialisationsbedingungen im familiären Umfeld lassen sich durch Unterricht wesentlich beeinflussen oder gar ändern. Deshalb muss schulische Leseförderung insbesondere bei der Lesemotivation ansetzen. Gelingt es der Schule, Lesefreude zu wecken, zum Lesen anzustiften und dem Lesen einen festen Platz im Alltagsleben der Kinder und Jugendlichen und vielleicht sogar ihrer Familien zu verschaffen, dann wird sich auch die Lesekompetenz weiter entwickeln.

Seit langem sind wir dieser Aufgabe mit einer eigenen Unterstufenbibliothek im Gebäude der Martinschule verpflichtet. Hier wird Lesefutter angeboten, hier kann man in der Pause ein Buch anschmökern und dann nach Hause ausleihen. Unsere Unterstufenbibliothek wird gut genutzt, sie ist ein Erfolgsmodell. Vielfältige Aktionen der Leseförderung, die Lesepatenschaften, der Leseclub, die Veranstaltungsreihe „Literatur am CG“ kommen hinzu.

Doch dies allein genügt nicht. Auch den Schülern der Mittel- und Oberstufe müssen wir ein attraktives Angebot machen, einen einladenden Ort anbieten, der ihren Bedürfnissen entgegenkommt und an dem sie sich wohl fühlen. Gibt es einen besseren Ort in der Schule, Lesekompetenz zu fördern, sich Informationen zu beschaffen, sie zu verarbeiten und zu präsentieren, als eine gepflegte Schulbibliothek? Lesen und Lernen gehören untrennbar zusammen, denn: Nur wer gut lesen kann, kann auch gut lernen. Und – so muss man heute ergänzen – lernen heißt heute auch, die modernen Medien optimal zu nutzen. Auch dies, das wissen wir alle, muss gründlich gelernt sein. Medienkompetenz ist heute ein wesentliches Element einer allgemeinen Lernkompetenz. Dies ist der Grund, warum wir unseren Umbau der Bibliothek von Anfang an als Mediothek geplant haben. Moderne Arbeitsplätze mit Internetanschluss gehören ebenso dazu wie ein professionelles elektronisches Recherchier- und Verwaltungssystem mit dem Namen Kallimachos. Dazu kommt ein Grundbestand an modernen CD-ROMs, an DVDs, Hörbüchern, den wir in nächster Zeit noch kontinuierlich aufstocken werden.