Fortsetzungsgeschichte im April

Sicherlich hätten wir stundenlang weiter gegen die Tür trommeln können. Aus Wut. Zorn. Entrüstung. Ich fühlte mich seltsam aufgewühlt. Unruhig. Aber doch so fern. Auch ich schrie. Schrie meine Wut heraus. Einfach nur schreien. Als wir spürten, dass unsere Hälse heiß waren, wie mit Schleifpapier geschabt, merkten wir, dass es unnütz sei zu schreien. Wir hörten auf. Und bald begann Peter leicht zu schluchzen. Es war ein stilles Schluchzen. Immer nur kurz zuckte er. Johannes fixierte die Tür und seine Lippen bebten. Während ich ein paar Schritte hinter ihm auf die Tür starrte. Ich hörte nur mein Herz klopfen, neben dem leichten Wimmern meines Freundes. So ein Fehler hätte nicht passieren dürfen.

Ich sah mich um und bemerkte, dass wir in einer Art Turmzimmer waren. Zuerst überflog ich den Raum und stellte fest, dass die Wände aus braunem Stein bestanden. Es waren keine Möbel da. Die Steine waren unregelmäßig aufeinander gemauert. So ergab sich eine unregelmäßige Anordnung von Steinen, die weiter hervorragten und solchen, die weiter hinten waren. Ziemlich bald wurde mir kalt und ich betrachtete das Fenster. Allmählich fühlte ich mich unruhig. Es musste eine Lösung geben! Es musste einfach!

Hastig wendete ich meinen Blick weiter durch den Raum. Wie kam man aus einem abgesperrten Turmzimmer heraus? Einen Dietrich bräuchte man, doch die pflückte man nicht wie Äpfel von Bäumen. Es gab in diesem Raum überhaupt nichts! Mein Blick fiel noch einmal auf das Fenster. Das war wohl die einzige Lösung. Ich dachte angestrengt nach.

Mein Atem ging ruhig. Kühle Nachtluft blies mir entgegen. Ich ging zögerlich Schritt für Schritt zum Fenster. Es war auf jedenfalls groß genug um sich hindurchzuzwängen. Theoretisch war ich dann frei. Ich musste nur noch hinunterspringen. Mich schauderte. Ich war noch nie gerne gesprungen. Besonders nicht aus so einer Höhe! Ich blickte nach unten. Vor mir sah ich einen Baum. Seine Äste waren nur ein kleines Stückchen entfernt. Mit einem gewagten Sprung würde das gehen, doch die Höhe... ! Voller Angst flüsterte ich Johann zu, der bereits völlig resigniert in einer Ecke kauerte: „Das da unten muss der Hof des Hochzeitshauses sein.“ Er kam zu mir und gemeinsam prüften wir die Möglichkeit über die mehr oder weniger günstig gewachsenen Äste einen Fluchtweg zu erreichen. Doch Johann schüttelte nur den Kopf und meinte: „Du spinnst ja!“

Meine Finger lagen auf dem kalten Stein des Fensters. Es gab keinen Sims. Es gab keinen wirklichen Halt. Ich drehte mich um. Auch Peter stand nun unbeholfen und vor Kälte schlotternd auf. Sein Gesicht war rot. „Wir müssen es wagen, vielleicht kommen wir hoch zum Turm. Aber was, wenn er da schon da war! Was, wenn er noch im Raum ist!“ Er war wütend über unsere Dummheit, ich konnte ihn verstehen, doch uns half das nicht weiter. Ich setzte einen Fuß auf die schmale Fensterbank. Johann und Peter sollten mich stützen. Ich hatte vor, wie bei einem Startsprung beim Schwimmen nach vorne zu hechten und mich an einem Ast festzuhalten... . War das nicht eher Wahnsinn als Mut? Vor mir ging es immerhin gute drei, vier Meter senkrecht hinunter. Und wenn der Ast zu dünn war? Mein Herz klopfte schneller und lauter als je zu vor. Schon wollte ich springen, doch ich traute mich nicht.

Es war eben doch etwas anderes, als wenn man vor der Klasse abgefragt wird und nicht gelernt hat. Man fühlt sich genauso hilflos, doch von einem Fenster in die schwarze Tiefe zu blicken, war grausam. Eiskalter Wind streifte meine Haut, wie Papier schnitt er mit ins Gesicht. Ich zitterte, meine Knie gaben nach. Um meine Hüfte legte sich Johanns Hand, er stützte mich, bereit mir den nötigen Abstoß zu geben, um weit genug nach vorne zu kommen. Wir mussten nicht sprechen. Es ergab sich alles fast von selbst. Wenn ich erst mal unten war, würde ich Hilfe holen und die Tür von außen aufsperren. Doch erst einmal musste ich hinunter kommen, was entweder lang dauern würde oder mit einem raschen, harten Aufprall enden musste. Doch spielte das jetzt noch eine Rolle? Wenn ich erst mal unten war, würde ich darüber lachen. Doch konnte ich mir da so sicher sein? Ich zögerte und zittere. Meinen Kopf zog ich zwischen die Schultern.

Jetzt war es soweit. Ich sprang. Gleichzeitig rief ich: „Jetzt!“ Johann gab mir einen Schubs. Ich kippte leicht nach vorne, griff mit beiden Händen nach Halt und fand die Kante des Fensters. Meine Hände spürten den kalten Stein außen an der Wand. Tobser konnte uns vielleicht sehen. Gespenstisch lag der Hof vor uns. „Ich schaffe es nicht!“, jammerte ich kläglich. Entweder ich würde den Mut nicht aufbringen oder so ungeschickt abspringen, dass ich weder den Ast noch den Stamm berührte, sondern gleich, wie ein Sack Kartoffeln von Tante Wilma auf den Boden klatschen und zu Brei werden. Wahrscheinlich würde ich mir nur sämtliche Knochen brechen, darin war ich ja geübt.

Peter und Johann zogen mich zurück in den Raum. War das das Ende unseres Abenteuers? Ich wusste es nicht. Resigniert ließen wir uns alle drei in eine Ecke sinken. Keiner sagte mehr etwas. Nur durch das Fenster konnte man leise den Wind um die Mauer streichen hören. Doch plötzlich klopfte es von außen an die Tür.

„Peter, Johann, Konrad, seid ihr hier?“, fragte eine Stimme. Es war eine Mädchenstimme. „Maria?!“, rief ich erstaunt. „Was tut die denn hier?“, entfuhr es Johann und er verdrehte sein Gesicht. „Kannst du uns aufsperren?“, fragte ich schnell. „Aufsperren?“, kam die Antwort zurück und diese klang so unsicher. „Womit?“ Wir seufzten. „Es muss doch einen Schlüssel geben!“, rief Johann. Er lief hektisch im Raum umher. „Es gibt doch sicherlich hier einen Hausmeister, der hat doch alle Schlüssel!“, sagte Maria, „Stimmt!“, bekräftigte Peter. „Ihr wartet hier und ich hole die Schlüssel!“ „Maria, pass du bloß auf, Tobser ist hier. Er hat uns eingesperrt und wird sicherlich bei uns noch einmal vorbeischauen, bevor er geht!“ Darauf hörten wir leiser werdende Schritte.

Dann überfiel uns wieder die triste Einsamkeit des dunklen Gemäuers. Wir waren hier völlig hilflos und Johann schien sich zu grämen. Ich konnte mir sogar denken, warum. Offenbar gefiel ihm der Gedanken nicht, sich von einem Mädchen aus der Patsche helfen zu lassen. Es vergingen Minuten, die sich wie Ewigkeiten anfühlten. Plötzlich wieder die Schritte von Maria, Schlüsselklappern. Dann hörten wir es klacken und vor uns stand das Mädchen. Sie grinste von einem Ohr zum anderen und dann höhnte sie: „Ich habe mir doch gleich gedacht, dass ihr euch wieder Hals über Kopf ins Abenteuer stürzen müsst und euch dabei nur wieder in eine aussichtlose Lage bringt. Und damit ich euch retten kann, bevor ihr euch Hals und Bein brecht, bin ich euch heimlich gefolgt“. „Das war fantastisch. Konrad wollte gerade aus dem Fenster springen!“, erzählte Peter aufgeregt. „Dachte ich es mir!“, entgegnete Maria, fast vorwurfsvoll. „Wir dürfen keine Zeit verlieren, Tobser muss noch hier sein, ich habe ihn oben lachen gehört!

Jetzt also hinüber zum Turm!“ Ein Nicken in der Runde und wir alle waren einverstanden, wir schlichen schnell und zielsicher die Treppenstufen hinunter, Johann allen voran mit der Fackel, die er aus einer Wandhalterung genommen hatte. Am Ende der Treppe öffneten wir die Tür zum Hof, ganz lautlos. Wir sahen den Turm. Er ragte groß und majestätisch in den Nachthimmel, jedoch bei weitem nicht so gewaltig wie der der Altenburg. Er hatte nur ein Fenster und dort, ganz oben, sahen wir ein schwaches Fackellicht. „Tobser!“, rief ich düster. Und wir gingen mit schnellen Schritten über den Hof. Das Gras war nass und die Tautropfen glitzerten im bleichen Mondlicht. Wir öffneten die nächste Tür und kamen wieder zu einer Treppe. „Wo ist hier des Rätsels Lösung?“, hörten wir von oben eine alte, bekannte Stimme rufen. Langsam gingen wir die Stufen hinauf ohne einen Atemzug zu machen, der uns verraten könnte. Wir kamen zur letzten Tür. Ich gab Maria einen Wink. Sie verstand und versteckte sich hinter einem Mauervorsprung. Sie sollte warten und nicht von Tobser entdeckt werden. Wir verstummten und besannen uns. Ich gab ein Zeichen und dann holte Johann mit seinem Fuß aus und stieß gegen die Tür, dass es nur so krachte. Sie sprang auf. Tobser war zu Tode erschrocken in Richtung Fenster gesprungen. Das Feuer seiner Fackel loderte wild, als er zusammenzuckte. Rechts war nur die kahle Wand. Links dagegen das schöne Wandgemälde von der biblischen Hochzeit zu Kanaan, auf dem Tobser offensichtlich angestrengt nach einem Hinweis auf den Weg zum Schatz gesucht hatte. „Jetzt haben wir dich!“, dachte ich. Sein Gesichtsausdruck wandelte sich von Entsetzen zu Wut. „Ihr schon wieder!“, brüllte Tobser dunkel und plusterte sich kampfbereit auf. Wir warteten.

(Benjamin Geißler, 7a)