Fortsetzungsgeschichte im Februar

"Und ihr denkt also, dieser Kinderkram sei wahr? Man könnte genauso auch an Geister glauben! - Buh", stieß Maria plötzlich hervor und versuchte so die Jungs und mich zu erschrecken, was in diesem Moment völlig unangebracht war, denn Johannes fiel fast von der Leiter, konnte sich aber gerade noch mit den Fingerspitzen an Peters Pullover festklammern und somit seinen ursprünglichen Halt wieder gewinnen.

Ihr könnt aber doch nicht behaupten, dass ihr mir das hier – sie hielt den Brief missbilligend in die Luft, einfach nur zeigen wolltet und euch deswegen zu dritt auf den Dachboden bemüht habt?", fragte meine Schwester neugierig. „Ihr wolltet mich bestimmt in meinen neuen Kleidern bewundern, nicht wahr? Peter und Johannes wurden knallrot, aber meiner Schwester schien das offenbar zu gefallen und sie wollte die Situation nutzen, um mit den beiden eine „Modenschau á la Maria" durchzuführen!

„Einverstanden!", lallten die beiden liebestrunken wie aus einem Mund, nachdem Maria den Vorschlag angepriesen hatte. Und mir blieb natürlich nichts anderes übrig als die ganze Sache auch über mich ergehen zu lassen.

Wir schauten uns Kleider von meiner Urgroßmutter bis zu denen meiner Mutter am so makellosen Körper meiner Schwester an und meine Freunde waren vollends begeistert von jedem einzelnen Kleidungsstück.

Maria natürlich auch und sie wollte noch mehr anziehen, bis ich dann einschlief auf dem weichen alten Sofa aus dem 17. Jahrhundert, welches vergessen auf unserem Dachboden stand.

Durch den Ruf meiner Mutter, dass es nun endlich Zeit wäre für Johannes und Peter zu gehen, wachte ich wieder auf. Es war Abend geworden und meine Freunde hatten ganz glasige Augen bekommen, während meine Schwester sich in ein Korsett gezwängt hatte und fleißig versuchte, Posen aus dem Fundus ihrer reichhaltigen Erfahrung heraus zu erarbeiten und vorzuführen.

Johannes und Peter verabschiedeten sich bei ihr mit dem Versprechen sich bald mal wieder blicken zu lassen und machten sich auf den Heimweg. „Komisch", dachte ich mir, „dass die Liebe sogar einen Schatz aus den Köpfen von Liebenden für kurze Zeit verschwinden lassen kann!

Ich machte mich bettfertig, zündete eine Kerze an und betete, dass mich doch am nächsten Morgen einer meiner vielen Freunde abschreiben ließe, da ich einfach keine Zeit zum Hausaufgabenmachen gefunden hatte. Plötzlich dachte ich daran, dass ich schon in der nächsten Woche mit meiner Klasse ins Skilager fahren sollte, ins Fichtelgebirge zum Ochsenkopf, und dass man da wirklich gut und ohne gestört zu werden über einen Schatz nachdenken könnte. Mit diesen letzten Gedanken löschte ich meine Kerze wieder, schloss meine vor Müdigkeit schmerzenden Augenlider und schlief wenige Sekunden darauf ein.

Die nächste Woche verlief schnell und mehr oder weniger reibungslos, doch die Hausaufgaben schaffte ich an diesem einen Morgen nicht mehr abzuschreiben und fing mir reichlich Schläge ein. Außerdem musste ich eine ganze Stunde in der Ecke auf angespitzten Kanthölzern knien, was wirklich keine Wohltat war. Das Skilager war deswegen aber nicht in Gefahr.

Ich hatte schon alles voller Vorfreude dafür eingepackt und schleppte nun am eisigen Montagmorgen einen riesigen Reisekoffer hinter mir her, bis zur Schule. Unter meinem Arm klemmten die schönen alten Holzski meines Großvaters und auch die Skistöcke, die ich extra noch einmal mit einem feuchten Tuch gesäubert hatte. Den Brief verstaute ich sicher in meiner Jackentasche. Bei meiner Ankunft traf ich Johannes und Peter, die sich gleich, mindestens genauso gut bepackt und versorgt wie ich, nach dem Wohlbefinden meiner Schwester erkundigten. Nachdem ich ihnen gesagt hatte, dass es ihr super ginge und sie die beiden sehr gerne mal wieder sehen würde, freuten sie sich und folgten mir zu unserem Sportlehrer, welcher uns ins Fichtelgebirge begleiten sollte.

Er teilte die Klasse in eine Zweierreihe auf und wies uns darauf hin, dass wir gefälligst den Mund halten sollten. Dann folgten wir unserem Lehrer, der sich flirtend mit einer Textilarbeit-und-Werken-Lehrerin aus der benachbarten Grundschule unterhielt, welche auch Ski fahren konnte und uns die ersten Schritte auf den Holzbrettern zeigen sollte. Jeder musste sein Gepäck selbst transportieren und wurde immer, wenn er stehen blieb, mit einem Schlag auf die Finger und drohenden Worten, wie „Du kannst auch bis zum Ochsenkopf laufen!", oder „lauf weiter, oder du bleibst hier!", verwarnt.

Wir saßen nun nach einer halben Stunde Laufmarsch mit Koffern und Skiern in der dritten Klasse der Deutschen Reichsbahn und tuschelten über die bevorstehende Woche. Ich saß zwischen Johannes und Peter auf einer nagelneuen und noch harzenden Holzbank und spürte Peters Kopf sanft an meine Schulter angelehnt. Er war eingeschlafen, wahrscheinlich durch das Rattern der Eisenbahn.

Wir fuhren schnell, mindestens 20 km/h. Ich war durch und durch aufgeregt und dachte weiterhin darüber nach, was für eine Figur ich wohl auf den Brettern abgeben würde, und spürte jetzt auch an der linken Schulter, dass sich ein Kopf darauf gelegt hatte. Johannes schlief auch. „Wie können die jetzt nur schlafen? Sind die gar nicht aufgeregt?", fragte ich mich. „Hier im Waggon herrscht durch den kleinen Kohlenofen wirklich eine Bullenhitze!" Ich musste meine Jacke ausziehen.

Es musste jetzt ungefähr zweieinhalb Stunden her sein, dass wir den heimischen Bahnhof verlassen hatten. Aber im Fichtelgebirge waren wir trotzdem noch nicht angekommen. Uns umgab nur Wald, schneeweißer Wald, Winterwald...

...Ich wachte auf, als wir schon da waren. „Also doch eingeschlafen!", dachte ich. Ich rüttelte Johannes und Peter wach, „Hey, Leute! Wir sind da, wacht auf!"

Die Skiausrüstung unter dem Arm verließen wir hinter einer langen Schlange von Schülern den Zug. Erst einmal mussten wir uns strecken und wir sahen der Sonne entgegen, die uns mit warmen Strahlen anlächelte. Nach erneuten 20 Minuten Laufweg kamen wir in einer geräumigen Blockhütte an. Dies sollte also unser Schlafplatz für die nächste Woche sein.

Nachdem alle ihre Betten zurechtgemacht hatten, gingen wir mit unseren Betreuern hinauf zum Ochsenkopf. „Ich habe keine Lust hier hoch zu laufen, es ist so anstrengend. Man sollte ein Seil erfinden, das uns hochziehen könnte!", bemerkte der nach wenigen Metern völlig erschöpfte Peter.

Oben angekommen sollte es gleich noch die ersten Übungsstunden geben. Der Lehrer teilte uns in zwei Gruppen auf. Peter, Johannes und ich gehörten zu der, die der Lehrer anführen sollte. „Da können wir uns auf was gefasst machen", sagte ich mit einer klitzekleinen Spur von Angst in meiner Stimme. Aber es war gar nicht so schlimm. Er brachte uns die ersten Schritte auf unseren besseren Fassbrettern schnell bei und es kam mir genauso einfach wie Fahrradfahren vor. „Es macht richtig Spaß, genau wie ich es mir vorgestellt habe!", rief ich Peter und Johannes zu, denen es auch zu gefallen schien.

Nachdem eine Stunde vorbei war und die Sonne schon unterzugehen drohte, meinte Herr Lang, dass wir jetzt ein letztes Mal den Hang alleine abfahren und danach zur Blockhütte zurückstiefeln sollten. „Aber passt auf die anderen Leute auf!", schrie er denen hinterher, die es anscheinend besonders eilig hatten und schon vorgefahren waren. Peter, Johannes und ich wollten als Schlusslicht nebeneinander losdüsen und warteten deshalb, bis alle weg waren. „Irgendwie ist mir doch mulmig, so ganz ohne Begleitperson zu fahren!", murmelte Peter vor sich hin, aber noch gerade so laut, dass wir ihn hören konnten. Wir mussten lachen. „Sei doch keine Memme!", kam es ziemlich gleichzeitig aus unseren Mündern. Wir gaben ihm einen Schub, damit er endlich in Fahrt kommen konnte. Er ließ seine Stöcke fallen und kreischte: „Hilfe!" Er fuhr schneller und schneller und ohne Orientierung. „Du musst lenken oder bremsen!", schrien wir lauthals. Wir standen noch immer oben auf dem Berg und sahen Peter mit weit aufgerissenen Augen hinterher.

„Los, wir müssen was unternehmen! Der rast sonst noch irgendwo dagegen!", sagte ich und fuhr los. „Ich muss ihn einholen", dachte ich bei mir. Ich hatte ein schlechtes Gewissen, weil ich ihn hinuntergeschubst hatte. Ich schaute nach vorne, doch Peter war weg, einfach verschwunden. Ich blickte um mich, doch von Peter keine Spur. Das einzige, was ich sah, war ein grüner Ast, der in die Piste ragte und auf mich zukam. Dann war da ein stechender Schmerz. Mir wurde schwarz vor Augen und das nächste, was ich wieder wahrnahm, war die mollige Krankenschwester, die mir heißen Salbeitee brachte. „Ah, du bist wach, hier für dich!" Sie reichte mir die geblümte Tasse. „Wärme dich richtig auf, du bist etwas unterkühlt gewesen. Du kannst dem Herrgott danken, dass du noch am Leben bist, mein Kleiner, es hätte auch anders ausgehen können", sagte sie.

Der Skikurs war gelaufen, denn sie hatten mich mit einer Gehirnerschütterung ins Krankenhaus gebracht. Man legte mich in ein Zimmer, in dem noch ein ältlicher Herr sein Bett hatte.

„Der Mann kommt aus Bamberg, er ist ein wenig verrückt und erzählt immer eigenartige Geschichten", klärte mich die Arzthelferin auf, die mich zu meinem Bett führte. „Letztens faselte er etwas von einem Bilderschatz, der vor diesem Franzosen versteckt werden musste, Napoleon, glaube ich. Aber du solltest das nicht ernst nehmen und ich denke, du wirst es schon mit ihm aushalten!" Von hier an war es schwer meine Freude und Neugier zu verbergen, vor allem bei dem Wort NAPOLEON !

„Aber nun brauchst du Bettruhe, mein Freundchen!" Als ich ins Zimmer kam, sah ich, dass auch Peter da war. Ihn hatten sie nur zur Beobachtung hier gelassen, wie er mir erzählte. Er stand neben einem Bett und beugte sich über ein graues altes Gesicht. Das musste Thomas sein, der Mann, von dem mir die Schwestern erzählt hatten. Er schlief. Er hatte zerschlissene Klamotten an und stank. Der Geruch war so stechend, dass es mich zwang mir die Nase zuzuhalten. Sein Aussehen wurde durch einige Narben an Armen und Beinen sowie im Gesicht entstellt. „Hey, hör dir das an!", flüsterte Peter. Und ja, jetzt hörte ich auch, dass der Greis im Schlaf vor sich hin murmelte. „Er redet die ganze Zeit über unseren Schatz, glaube ich", bemerkte Peter. „Oh Bamberg, hehe!", lachte der Alte dreckig. „Wenn die wüssten!" „Nein nicht im alten Kloster, nein! – Oh ja, sondern im H o c h z e i t s h a u s ! – Gegenüber von den schwarzen Kränen am Wasser ... da sind sie zu finden, ich werde es euch allen zeigen...", redete er weiter, doch dann schwieg er und begann zu schnarchen.

Peter und ich schauten uns an und dachten in diesem Moment genau dasselbe: "Ist das vielleicht die Person, die uns auf unserer Suche dem Ziel endlich ein Stück näher bringt? Der Schlüssel zum Tor des Schatzes, der Bilder aus Leo von Westens technischer Zeichenakademie... ?"

(Anna Dreyer, 9a)