Fortsetzungsgeschichte im Dezember

„Wir verstecken uns lieber, dann haben wir vielleicht noch eine Chance zu entkommen“. Mit diesen Worten riss mich Johann aus meinen Gedanken.

Schnell stießen wir die kaputte Tür auf und tappten ins Dunkel. Wir drückten uns ängstlich an die Wand. Die lauten Schritte unseres Hausmeisters rückten immer näher. Die Sekunden schienen wie eine Ewigkeit zu dauern. „Gleich wird er uns erwischen“, dachte ich. „Da, habe ich euch, ihr Biester! Pah noch eine!“, schrie der Hausmeister. Verwundert sahen wir uns an. „Euch Ratten geht es an den Kragen, ich werde euch alle vernichten!“ Die Schritte unseres Hausmeisters entfernten sich ebenso wie das erschrockene Quieken einiger Ratten. Die Tür fiel ins Schloss. Wir warteten noch einige Minuten ab, ehe wir uns aus unserem Versteck trauten. Ich führte einen Freudentanz auf. Doch meine Freunde ermahnten mich, dass wir uns ja immer noch nicht in Sicherheit befänden. Leise näherten wir uns dem Ausgang. Alle paar Schritte lauschten wir, ob der Hausmeister nicht doch noch käme.

„Da war etwas“, flüsterte Peter plötzlich entsetzt. Ich zuckte zusammen. „Ratten!“, kreischte Peter. Drei dicke, fette schwarze Ratten mit langen Schwänzen kreuzten unseren Weg. „Diese Viecher haben uns vor Hausmeister Stöckel bewahrt, du kannst ihnen dankbar sein“, flüsterte Johann. „Das ändert auch nichts an der Tatsache, dass ich sie nicht ausstehen kann“, jammerte Peter. Der weitere Weg durch die Kellergänge verlief ohne Zwischenstopp. Bald schlug uns kühle Luft entgegen und das Tageslicht blendete unsere Augen. So schnell uns unsere Beine trugen, verließen wir das Schulgelände. Für heute hatten wir die Nase voll vom Schatzsuchen. „Lasst uns doch zu mir gehen und dort noch etwas trinken und ein bisschen reden“, schlug ich vor. „Ach nein“, meinte Peter. „Ich will nach dem Ratten-Schreck lieber gleich nach Hause.“

„Schade, sonst hättest du mal meine dreizehnjährige Schwester Maria kennen lernen können.“ Peters Augen weiteten sich: „Oh, eine Schwester hast du, das ist natürlich etwas anderes.“ „Wie sieht die denn aus?“, wollte Johann gleich wissen. Doch ein bisschen überrascht, dass sich die beiden Freunde so sehr für meine Schwester zu interessieren schienen, fing ich an zu übertreiben. „Wie sie aussieht...“, genießerisch ließ ich die Worte auf meiner Zunge zergehen und sah in die erwartungsvollen Augen meiner beiden Klassenkameraden. „Aussehen tut sie wie ein Engel. Sie hat blonde gewellte Haare, die ihr wie Seide über die Schulter fallen. Schlank und zierlich ist sie und ihr Gang gleicht dem einer Elfe. Ihr Mund ist kirschrot und ihre Augen sind kornblumenblau.“ Johann und Peter blieb vor Andacht der Mund offen stehen. „Die muss ich sehen“, stammelten sie fast zeitgleich. Stolz darüber, dass meine Schwester Maria so ein großer Anziehungspunkt war, schritt ich voraus. Ich konnte ja nicht ahnen, dass Johann und Peter nur Brüder hatten. „Meinst du, sie würde mir Nachhilfestunden im Handnähen geben?“, fragte Peter vorsichtig und hielt mir seinen verletzten Finger unter die Nase. „Frag´ sie doch selber“, lachte ich. „Schaut, da vorne ist schon unsere Wohnung!“

Meine Mutter hieß uns herzlich willkommen. Nachdem wir in unserer kleinen Wohnküche einen Pfefferminztee getrunken hatten, sah ich mich suchend um. Ich spürte die erwartungsvolle Ungeduld meiner beiden Freunde. Wo war Maria? Als könnte meine Mutter Gedanken lesen, sagte sie plötzlich: „Wo Maria nur bleibt? Sie wollte sich doch auf dem Dachboden nur etwas Frisches anziehen. Sie hat sich vorhin beim Marmeladekochen schmutzig gemacht. Das ist mal wieder typisch für sie, wo doch erst gestern großer Waschtag war.“

Als Mutter mit meinem kleinen Bruder Marco beschäftigt war, steckten Johann, Peter und ich unsere Köpfe zusammen. „Wie wäre es, wenn wir meiner hübschen Schwester auf dem Dachboden einen kleinen Besuch abstatten würden?“ Die Augen meiner Freunde glänzten. Bevor ich die Tür des Dachbodens öffnete, ermahnte ich sie: „Seid leise, wehe wenn sie etwas merkt.“ Wie auf Katzenpfoten stiegen wir die kleine Holzleiter empor. „Ich frage mich, ob deine Schwester schon wieder angezogen ist“, flüsterte Peter. Da hörte ich meine Schwester schon vor sich hinsummen. Sie stand in ihrer weißen Baumwollunterwäsche mit  dem Rücken zu uns da und betrachtete sich in einem alten verstaubten Spiegel.

Johann wäre vor Aufregung fast die Leiter heruntergefallen. Mühsam hielt er sich am staubigen Holzgeländer fest. „Hatschi“, nieste er. Erschrocken sah sich meine Schwester um. Blitzschnell zogen wir die Köpfe ein. „Buh, das war knapp“, flüsterte ich. „Ich kann nichts dazu“, wisperte Johann entschuldigend. „Es war der Staub“. „Und ich dachte die weiße Baumwollunterhose wäre schuld“, grinste Peter. Maria hatte uns zum Glück nicht bemerkt und begann ihre Zöpfe vor dem Spiegel zu flechten.

„Was macht sie denn jetzt?“, fragte Johann, der einige Sprossen weiter unten stand. „Ich will auch wieder gucken“, dabei schubste er Peter zur Seite. Der revanchierte sich mit dem Ellenbogen. „Aua“, stöhnte Johann. Dies hatte Maria bemerkt, mit einem Ruck drehte sie sich um und kreischte. „Was macht ihr denn hier? Wie lange steht ihr schon da?“, fauchte Maria uns an. Schnell musste ich mir etwas ausdenken. Die Gedanken schossen mir nur so durch den Kopf. „ Ähm, wir sind gerade erst gekommen. Wir wollten dich nämlich was fragen.“ sonst fiel mir so schnell nichts ein. Ich gab Johann einen Stoss mit dem Ellenbogen, damit er weiter redete: „Ähm, jaja, wir wollten dich was fragen, genau…,“ stammelte er, „Wir haben nämlich was gefunden“, sagte er, zog den Brief aus der Hosentasche und gab ihn Maria. Entsetzt schauten Peter und ich Johann an. Eigentlich sollte die Sache ja geheim bleiben. Maria las sich den Brief aufmerksam durch und sagte…

(Janina Einwag, 7c)