Fortsetzungsgeschichte im November

Ich vereinbarte mit Johann und Peter, dass wir uns treffen sollten. Ich war total aufgeregt, wie wenn Weinnachten vorverlegt worden wäre. Beim Heimweg redete ich mit Johann, der zwei Straßen weiter wohnte, über nichts anderes als über den Schatz. Unsere Ideen hielten sich an keine Grenzen. „Was meinst du, wo der Schatz liegen könnte?“, warf Johann ins Gespräch ein. Der Gedanke erschien uns vorher noch nebensächlich, doch er drückte jetzt mit einer Gewalt gegen unsere Kehle. Wir schwiegen. Es machte keinen Sinn davon zu reden, wie viele Münzen wir bekommen würden, wenn wir den Schatz nicht erst einmal gefunden hätten. Wir dachten angestrengt nach. Unsere Euphorie verschwand, war vom Wind verweht. „Keine Ahnung“, sagte ich matt, „keinen blassen Schimmer“. Enttäuscht wurden wir noch stiller. Als sich unsere Wege trennten, verabschiedeten wir uns und gingen fast niedergeschlagen nach Hause. Ich öffnete die Tür zu unserer kleinen gemieteten Wohnung. Die Tapete war schon rissig und abgeblättert, genauso wie die Eingangstür, wo ich immer befürchtete, dass sie demnächst mit ihr ins Haus fällt. Ich hörte meine Schwester Maria begeistert Flöte spielen. Es munterte mich etwas auf. Sie spielte ziemlich gut. In der Stube gab es einen 12 Schritt großen Raum, der genauso breit war. Ich sah in ihr weiches Gesicht und sie blickte mich fragend an. Ich hatte immer noch etwas Glitzern in den Augen von den Gedanken an den Schatz. „Maria, ich muss dir erzählen, was mir Fantastisches passiert ist!“, rief ich ihr euphorisch zu. Sie nahm die Holzflöte vom Mund und sah mich aus ihren blauen Augen an: „Was war es diesmal? Wer kam heute mit einem Knochenbruch nach Hause?“, fragte sie mit leichtem Spott in ihrer Stimme. Ich roch schon die Kartoffeln, die Mama in der Küche kochte. Sie wendete sich nicht einmal um, als wäre ich gar nicht da. Offenbar war sie äußerst beschäftigt und ihr Gesicht war dunkler als normal. Sie sah krank aus, vielleicht von Problemen, es kamen immer häufiger Briefe nach Hause, die nur Vater sehen durfte. Maria hatte eine Stupsnase und war ziemlich dünn. Ihr langes blondes Haar fiel hinter ihrem Rücken wirr herunter. Sie hatte ihr weißes Kleid angezogen, das sie immer trug, wenn sie in der Kirche im Orchester mitspielte. Sie war ein Jahr jünger als ich, was man aber kaum merkte. Ich öffnete meinen Mund, warf einen Seitenblick zu Mutter, sie sah nicht her, ich schritt langsam zu meiner Schwester und flüsterte ihr geheimnisvoll ins Ohr: „Wir haben Hausmeister Stöckel geholfen die Bibliothek aufzuräumen - was ja in etwa stimmte -, da sah ich einen uralten Brief in einem Buch. Ich las ihn durch und er berichtete von einem Schatz, den ein ehemaliger Lehrer versteckt hat, vor hundert Jahren“. Ich machte einen Schritt zurück und erwartete, dass Maria ein Zeichen von sich gab, dass sie mir glaubte, dass sie mir vertraue, aber sie lächelte nur. Ich konnte nicht deuten, ob es das Lachen nach einem Witz sein sollte oder ob sie einfach nur so grinste über ihre bleichen Wangen. „Ich erklär’s dir später, wenn wir von Tante Wilma die Körbe holen“, sagte ich und stieß einen Seufzer aus. Ich dachte an die Schularbeiten. Was muss ich denn jetzt noch tun, dachte ich mir und fing bei den Morgenstunden an. Erste, zweite Parlimetrik, ach so, Errechne den Schwerpunkt des Dreiecks mit den Winkeln, Alpha 22°, Beta 77° und Delta 61°, wobei man die Punktspiegelung noch machen musste. Ächz. Parlimetrik, das schlimmste Fach, was man sich denken kann. Ich saß mittlerweile auf dem Stuhl, Kopf auf den Arm gestützt, gelangweilt auf meine Tafel starrend, hoffend, dass sich die Aufgaben von selbst erledigten, was in der Regel aber selten eintraf. Die Schulsachen waren auf dem verschlissenen Tisch ausgebreitet, als wolle ich ein System dahinter finden. Ich blickte Maria an, die schon wieder angefangen hatte Flöte zu spielen. Ich beneidete sie, sie musste nicht in die Schule und sich abrackern, jeden Morgen das Pech vor den Klasse, das „Vater Unser“ in Lateinisch vorpredigen zu müssen und dabei dem Blick der stets wütenden Lehrer stand zu halten, die keinmal mit der Wimper zuckten und stets auf einen Fehler hofften, um einen zum Hausmeister schicken zu können. Ich las den Satz auf meiner teueren Kreidetafel immer wieder durch. Papier war für uns zu teuer. Aber der reiche Benno, der durfte immer alles auf Papier schreiben, sogar mit Tinte!

Die Zeit verging, doch ich hatte keine Ahnung, was die Punktspiegelung war, ich wusste, was ein Spiegelei war. In beiden Wörtern tauchte ein Spiegel auf. Ich wusste, dass es Spiegel gab. Punktspiegelung. Das hatten wir noch nicht durchgenommen. Einen Punkt spiegeln, das muss es sein! Ich muss Punkte spiegeln! Aber woran? Ich seufzte. „Räum deine Sachen weg, wir essen!“, brauste sauer meine Mutter auf. Marko, der Jüngste meiner Geschwister, wurde von Mutter zur Seite gestoßen, da er im Weg stand. Sein Gesicht wurde leicht rot, steckte jedoch seine Babyhände in den Mund und gab schmatzende Töne von sich. Er war ziemlich stolz jetzt ohne Mama und Papa gehen zu können. Ich setzte mich. Marko nahm auch Platz. Mutter knallte die Schüssel mit Kartoffeln auf den Tisch. Der scheppernde Ton schien Marko zu gefallen und er wusste, dass man, wenn etwas lustig oder schön, war klatschen musste, um seine Aufmerksamkeit zu zeigen. Doch er handelte sich damit von Mutter einen bösen Blick ein. Was hatte sie bloß? Maria sah mich an, ich glaubte sie wusste es. Jeder nahm sich zwei Kartoffeln und einen Apfel und das war’s dann für den Tag. Die Sonne schien nicht auf die Wohnung. So war es kalt und meine Glieder klamm. Ich aß schnell auf, denn es war warm und schmeckte gut. Es brannte etwas im Mund, aber es spendete Wärme. Mutter rührte sich nicht. Den Kopf vergrub sie in ihren Händen. Sie sah gealtert aus. Ihr Teller war noch voll. Es dampfte schön. Hildegard, meine stets gedankenlose Schwester, traute sich nicht zu essen, sie sah unverhohlen ihre Mutter an, als würden ihr plötzlich Mohrrüben aus den Ohren hängen. Definitiv waren beide nicht begeistert. Christian schien dies nicht zu interessieren, er war der älteste von meinen Geschwistern und ziemlich hochnäsig, er war befreundet mit Bennos Bruder Leopold und zusammen waren sie einfach eklig. Die Funken schienen von Leopold auf Christian übergesprungen zu sein und dementsprechend hochnäsig verhielt auch er sich. Ich ging ihm meist aus dem Weg, jedoch schliefen wir zu siebt in einem Zimmer. Ich schlief neben Christian auf dem Boden, was ziemlich schmerzhaft war. Am Morgen war mein Rücken ziemlich steif gelegen und das Aufstehen fühlte sich wie ein Faustschlag auf den Rücken an. Mutter und Vater lagen in einem Bett mit Marko, Hildegard mit Maria in einem zweiten Bett. Das Essen verlief ziemlich schweigsam. Man hielt einfach nur den Mund, was alle bis auf Marko super bewältigten. Parlimetrik verschob ich auf später. Notfalls musste ich am Morgen von Peter oder Johann abschreiben.

Gleich nach dem Essen gingen meine Schwester und ich los. Wir verabschiedeten uns. Mutter sagte: „Auf Wiedersehen!“ Meine Schwester flocht geschickt ihr langes Haar. Sofort brannte in mir den Wunsch alles zu erzählen. Wie ein Kanoneschuss kamen mir die Erlebnisse wieder: „Maria, ich erkläre es dir, es war so, Peter hat sich die Hand mit einer Nadel aufgestochen - Maria verzog den Mund - nein, nicht ganz, die Nadel war nur durch ...“ - „Hör auf, Konrad!“ – „Na gut! Also, ich spielte mit Johann mit einem Apfel, nachdem Herr Elstner draußen war, er versorgte Peter. Er kam zurück. Da bekam ich Schläge und wir mussten zum Hausmeister, der schickte uns in die Bibliothek und ließ und uns allein aufräumen. Da sah ich einen Brief...“ - „Und natürlich hast du ihn aufgemacht!“, sagte Maria, die mit gezwungenem Interesse zuhörte.

Wahrscheinlich wollte sie gar nicht zuhören, aber auch nicht den Eindruck erwecken, dass es sie gar nicht interessierte. „Ja, natürlich habe ich ihn aufgemacht und da stand etwas von einem Schatz, der vor Napoleon versteckt wurde. Hausmeister Stöckel schien vom Brief gewusst zu haben, denn er sagte: „Haltet euch fern von Dingen, die euch nichts angehen!“ Maria sah mich an, als könne sie die Richtigkeit dessen herauslesen, was ich ihr geschildert habe. Sie sah darauf nachdenklich ihre Füße an, blickte wieder auf und dachte angestrengt nach.

Wir liefen über den Heumarkt, weiter zur Brücke und zum Bahnhof. Dort sollten wir Tante Wilma treffen. Sie fuhr öfters mit dem Zug hierher und brachte uns Kartoffeln und alles mögliche vom Land, immer vier volle Körbe und dann noch ein paar Kakaobohnen. Es schien viel zu sein, jedoch hatten wir sieben Mäuler zu stopfen und meine Mutter hatte keine Arbeit, so schuftete Vater bis in die Nacht, um etwas zu verdienen. „Vor hundert Jahren, hast du gesagt, lebte dieser Lehrer“, rief Maria sich nochmals ins Gedächtnis, „Ich vermute, dass es irgendwo in einem Haus oder Zimmer versteckt ist, das würde bedeuten, dass alles Neugebaute wegfällt“, flüsterte sie eher sich zu, als mir. Mein Mund war staubtrocken. Erwartungsvoll blickte ich sie an, als wäre sie ein Orakel. Sie war etwas kleiner als ich, jedoch hatte sie ein unglaubliches Gedächtnis, ich konnte nur staunen. Sie konnte Lesen und Schreiben, ich weiß noch, wie ich es ihr beigebracht hatte. Sie schien in sich zu versinken, als würde sie in einem Meer aus Gedanken schwimmen und dabei ein Buch sehen, das sie von verschiedenen Seiten betrachtete, um mehr zu sehen. Ab und zu schlug sie im Kopf das eine oder andere nach und versuchte zu kombinieren. „Ich vermute, dass der Schatz irgendwo im Rathaus ist“, sprach meine Schwester. Ihre Stimme klang so anders, irgendwie mechanisch. „Was?“, rief ich etwas laut und voller Entsetzen. Ich bereute es. Ein paar Leute blickten, teils verschreckt, teils empört zu uns. Ich gab mir im Kopf eine Ohrfeige und fühlte mich, als ob das vorverlegte Weihnachten komplett abgeschafft worden sei. Wahrscheinlich war ich überhitzt. Ich fühlte mich total vor den Kopf gestoßen. Für mich war es so selbstverständlich gewesen, so einfach: die Bilder und Kunstwerke sind, nein, müssen in der Schule sein. Anders konnte oder wollte ich es mir nicht vorstellen. „Wie kommst“, fing ich bestürzt an, „wie kommst du bloß darauf, dass solche Wertsachen ins Rathaus kommen, das ist doch vollkommener Blödsinn, sie müssen irgendwo in der Schule versteckt sein?“ Meine Schwester zog scheinbar vor etwas zu warten, damit ich mich beruhigte. Streng und zugleich ernst begann sie: „Konrad, es stand selbst im Brief, du musst nur 1 und 1 zusammen zählen. Ich weiß noch, wie Herr Zeller von Napoleon geredet hatte, er sagte uns, dass das Musikstück, das wir spielen werden, genau aus der Zeit kam, als die Ingenieur- und Zeichenschule ins Rathaus verlegt wurde. Und du sagtest selbst, dass es vor hundert Jahren war!“ Das hatte mich wirklich getroffen. Die Logik sprach für Marias Erklärung. Bevor ich weiter über das Problem nachdenken konnte, waren wir am Bahnhof, wo Tante Wilma schon mit ihrem Spitzhut, ihrer Handtasche, die groß genug war, um einen Dieb, der sich ihr gewaltsam näherte, zu Boden zu strecken. Jedoch war ihr Lächeln unverkennbar. Sie war stets gut gelaunt. Ihre Handtasche hielt sie vor ihrer Brust. Die vier mitgebrachten Körbe standen je zwei rechts und links neben ihren Schuhen auf dem steinernen Boden. „Halt, ihr zwei!“, rief sie uns zu und winkte uns her. „Maria, du musst unbedingt zunehmen, du bist ja wirklich nur Haut und Knochen, das tut dir gar nicht gut!“, musterte unsere Tante meine Schwester. Sie sagte immer dasselbe. Sie war ziemlich rundlich, was ein weiterer Grund für einen Dieb war sich ihr nicht zu nähern. Sie konnte jeden Tag Fleisch essen, was man daran sah, dass Wilmas Daumen, so groß waren wie drei von Marias zierlichen Fingern. „Konrad, immer schön artig in der Schule, hast auch gar nichts Unrechtes getan?“ Tante Wilma schien mich prüfen zu wollen und griff mit Zeigefinger und Daumen meine linke Wange und rüttelte etwas, wie man es bei Kindern tat, die mit Sicherheit viel jünger waren als ich. Es war etwas peinlich. Ich musste nicht einmal lügen, worauf ich stolz sein konnte. „Peter hat sich die Hand aufgestochen und ich glaub, wir sind Freunde geworden“, redete ich vom Thema ablenkend. Ich wusste, dass es nicht wirklich passte, aber es war Gesprächsstoff da, wo ich mich nicht in eine peinliche Lage versetzen konnte, denn Tante Wilma schenkte uns viel. Ich erinnerte mich noch, wie Maria aufgeschrieen hatte, als sie eine Flöte bekam. Sie war ganz aus dem Häuschen. Ich verdankte ihr meine Schulausbildung. Genauso wie Christian. Hildegard bekam Puppen zum Spielen. Christian durfte zur Schule gehen mit neuer Uniform, ich bekam seine alte. „Was, Peter? Das is’ doch der Sohn vom Schneider, oder? Von seinem Vater habe ich die Schuluniformen, das wird im gar nicht gefallen!“, redete die Tante und gewiss meinte sie mit ihm beide, sowohl Vater als auch den armen Peter, der keine Nadel mehr anfassen würde. „Wie geht es Mutter?“, fragte sie ernst. „Ich weiß nicht, aber...“, weiter kam ich nicht. „Mutter hat einen Brief gekriegt, die Miete soll erhöht werden, fast um das doppelte und das würde bedeuten, dass Vater noch mehr arbeiten und sich noch mehr abrackern müsste, und der Gedanke macht Mutter krank...“

‚Ich muss den Schatz finden!’, drängte ein Stimme in meinem Hinterkopf, ‚Jedoch wo?’ Mit meinem neuen Problem wurde ich immer unruhiger. Ich musste Johann und Peter treffen! „Wenn das so ist“, Tante Wilma griff mit ihren stempelgroßen Fingern in eine ihrer Taschen, von denen es viele gab. Ja wirklich, es mussten mehr als ein Dutzend sein, ohne die Innentaschen! Der Inhalt war ganz unterschiedlich, es schien so, als hätte sie kurz im Schlaraffenland einen Spaziergang gemacht und von jedem, was gerade so da hing und lag, etwas in die Taschen gestopft. In dem einen waren Süßigkeiten, in dem anderen waren Kartoffeln. In der einen war der Lederbeutel. Sie griff hinein und zog einen Pack weiße Scheine heraus. Ich fragte mich des öfteren, warum sie uns das alles gab. Ich hatte jedoch noch keine Antwort gefunden. Meine Schwester nahm das Geld an sich. Sie schaute etwas, wie eine Braut aus, in ihrem weißen Sonntagskleid. Wir verabschiedeten uns, und als wir die schweren Körben mitnahmen, blinkte in meinen Kopf wieder die Schmerzsirene. Ich spürte noch einmal die Schläge von Herrn Elstner, der präzise auf die Stellen schlug, wo es weh tat.

Der Tag verging schnell. Meine Hausaufgaben bewiesen sich als machbar. Mutter hatte sich abreagiert und war nun freundlicher und fand die Sprache wieder. Maria spielte Mutter ein besonders schwieriges Flötenstück vor. Sie war völlig entzückt, obwohl sie es bereits den ganzen Tag hätte hören können. Begeistert klatschten wir und sogleich wurde meine Schwester puterrot vor Freude, dass alle zufrieden waren. Trotzdem hatte ich den dringlichen Wunsch Johann zu treffen, und das möglichst mit Maria. Jedoch verdrängte ich das Gefühl und schließlich wurde es Abend. Das Feuer knisterte schön im Ofen und ich schlief ein.

Der erste Hahnenschrei weckte mich und flugs war ich auf den Beinen. Schnell beschlagnahmte ich einen Stuhl und setzte mich. Nachdem ich eine Scheibe Brot gegessen hatte, machte ich mich mit Christian auf den Weg zur Schule. Ich konnte ihm jedoch mit der Ausrede, Johann treffen zu müssen, entkommen. Mit einem Befreiungsseufzer stand ich bei Johann. Wir waren beim Heumarkt und hatten noch gut zwanzig Minuten, bis der Unterricht begann. „Hast du deiner Familie von den Bildern erzählt?“, fragte er bestürzt in einem gespielten Tonfall. „Nein, nur meiner Schwester!“, erwiderte ich trocken. „Gut“, sagte er tonlos, dann aber drängend: „Was hat sie gesagt?“ „Sie hatte die Wahnidee, dass man im Rathaus suchen müsse!“, rief ich mit unbegründetem Zorn. „Oh, oh, oh, und darf ich fragen, wie sie auf diese geniale Schlussfolgerung kam?“, sagte mein Freund hämisch. Ich begann vom Vorsitzenden des Orchesters zu erzählen, über Napoleon, dann über das Rathaus. Und immer wenn einer dieser Stichpunkte fiel, so wirkte Johann belustigter. „Wahnsinn, wüsste ich es nicht besser, so würde ich deine Schwester für eine dumme Kuh halten!“, sagte Johann. „Natürlich ist der Schatz in der Schule, im Rathaus hätte man ihn doch zu schnell gefunden und dann hätte man ihn ja gar nicht erst verstecken brauchen.“ Johann quasselte in einem Stück, bis der Lehrer schließlich in die Klasse kam und alle verstummten. Ich saß mit Magda und Peter in der letzten Reihe. Wir hatten eine Doppelstunde Arithmetik bei Herrn Wulstig, der vorne herumstolzierte, als wäre er ein Storch. Ab und zu schielte er durch die Reihen, wer am schuldigsten aussah. „Peter!“, brüllte er durchs Zimmer. Seine Hände hielten hinter dem Rücken den Zeigestab. Das konnte doch nicht wahr sein! Hatte Hausmeister Stöckel ihm vom Vorfall gestern erzählt? „Grundwissen!“ Er machte noch eine stolze Runde durchs Zimmer. Peter sah mich ängstlich an. Johann war wie versteinert, als müsse er vor die Klasse treten. Peter zitterte heftig. Jetzt wusste ich, woran mich Herr Wulstig erinnerte: An ein Schwein. Er grunzte genauso, doch das wütende Dreinblicken hatte er von einem Wolf. Peter blickte durch die Klasse. „Betrachte die Familie einer Witwe, die einen Teil von 3500 Gulden ihrem Sohn oder ihrer Tochter vererben will. Falls eine Tochter geboren werden würde, so würde sie ein Viertel so viel bekommen, wie wenn ein Sohn geboren werden würde. Ein Sohn jedoch soll doppelt so viel Gulden bekommen, wie seine Mutter.

Jedoch wurden Zwillinge geboren, Knabe und Mädchen. Wie wird die Aufteilung des Erbes aussehen?“ Die Aufgabe stellte sich als äußerst schwer heraus. Immer mehr tat mir Peter Leid, der den Atem von Herrn Wulstig spüren musste. Ich rechnete mit. Peter wusste nicht, was er tun sollte. Er formte seine Lippen und murmelte etwas vor sich hin, wahrscheinlich nur um Zeit zu gewinnen. Es vergingen lange Minuten, die jeden langsam atmen ließen. Dann ertönte wieder das Grunzen von Herrn Wulstig, das nur Schlimmes verheißen konnte. „Der Banknachbar muss aushelfen!“ Das Grinsen auf Herrn Wulstigs Gesicht wurde breiter, jedoch übertraf es bei weitem nicht das von Benno. Aber Johann schreckte hoch wie ein Hase. Sein Gesicht verlor an Farbe. Er atmete sehr tief ein, als hätte ihn der Schlag in die Magengrube getroffen. Mein Herz raste, als wäre ich selbst da vorne. Benno konnte sein hämisches Grinsen kaum unterdrücken. Es entfachte Zorn in mir. „Dein Funkeln wird dir schon noch vergehen, jetzt bist du dran, immer dieselben, die was anstellen, erst der Apfel, dann die Bibliothek, was wohl als nächstes passieren wird?“ Was? Ich folgerte, dass Hausmeister Stöckel alle Lehrer alarmiert hatte. Der Gedanke flog mit einer Gelassenheit zu mir in die Ohren. Aber ich fing sofort an zu zittern. Es mussten bereits gute fünf Minuten vergangen sein. Die Bankreihen wurden länger und der Weg nach vorne dauerte Ewigkeiten: „Sohn doppelt soviel wie Mutter, Tochter halb soviel wie Mama.“ Immer wieder versuchte ich ein System dahinter zu entdecken. Rasselnd atmete ich. Trocken waren meine Lippen, so trocken, dass ich gar nichts daraus hervorbringen konnte. Die Augen des Lehrers waren auf mich geheftet. „Sohn gleich vier Töchter, Mutter gleich zwei Töchter?“ Meine Gedanken überschlugen sich. Ob ich in Geschichte auch noch abgefragt werden würde? Ich zitterte zu sehr, um schneller die Aufgabe zu lösen. Neugierige und teils auch verwirrte Blicke hafteten an mir, die mir den Glauben verliehen, ich würde falsch antworten. Wusste jeder die Lösung oder waren sie genauso erstaunt über den Vorfall in der Bibliothek? Wie viel hatten sie mitbekommen? „7 Töchter!“, stotterte ich langsam und bereute sofort das gesagt zu haben. Dann sah ich vor mir in meinem Kopf die Zahl 3500 erscheinen, dann erschien die 7. Dann teilte ich die Zahl durch 7. Es erschien die 500. Ich stand wie angewurzelt da, doch jetzt riss es mich, als stieße mich jemand zur Seite aus dem Schleier in meinen Kopf! „Tochter 500, Mutter 1000, Sohn 2000 Gulden!“, das war die Lösung! Ich setzte an zu sprechen, lauter als gewollt schleuderte ich die Lösung meinem Lehrer ins Gesicht. Der jedoch schien ebenso verblüfft zu sein, wie Johann und Peter, die mich sahen, wie ich kurz vor dem Lehrertisch stand, etwas versetzt zu Johann und Peter. Bennos Gesicht verkrampfte sich, ließ jedoch sofort locker, bemerkte ich aus den Augenwinkeln. Herr Wulstig schien platt zu sein. Ich hatte richtig geantwortet! War ich glücklich! Ein jähes Gefühl von Euphorie breitete sich in mir aus, das ein Gewicht von meinen Schultern fallen ließ. Offenbar war der Lehrer unschlüssig, was er mit uns machen sollte. Er beließ es bei der Antwort und schickte uns etwas enttäuscht zu unseren Plätzen. Er hatte mit der Antwort nicht gerechnet.

Unser nächstes Fach war Geschichte, wo eigentlich jeder so tat, als wäre seine gesamte Aufmerksamkeit an den betagten Herrn Tischbein geheftet, der gerne Schüler zum Hausmeister schickte. Das aber hinderte uns drei nicht vom Schatz zu tuscheln. Wir beschlagnahmten drei Stühle in der letzten Reihe und tauschten unsere Überlegungen aus. Herr Tischbein gähnte herzhaft, wie ein erwachter Löwe und begrüßte die Schüler. Johann machte für eine Sekunde eine Bewegung, als wolle er ein Stück Kreide in den Rachen seines Lehrers werfen, der die Augen nur für kurze Zeit geschlossen hatte. Peter grinste und unterdrückte sein Lachen. Niemand hatte etwas gesehen. „Konrad, nächstes Mal nehme ich eine Maus mit! Mal sehen ob ich sie zu Benno rüber schmuggeln kann. Du weist doch, dass er panische Angst vor Mäusen hat. Eine Spinne hab ich momentan nicht daheim, Lager leer!“ Ich lachte. Er beugte sich wieder von mir weg und erwartete, dass der Lehrer die Stunde als beendet erklärte. Meine Aufmerksamkeit wurde vom Unterricht weggezogen.

„Ich vermute, irgendwo im Keller, denn man sagte, dass dort Geister und Dämonen wären, das hieße, dass niemand runter ginge“, erklärte Peter weise. „Schön und gut, aber die werden doch immer noch da hausen?“, warf Johann in die Runde ein. „Du glaubst doch nicht etwa an Gespenster? Oder gehst du etwa nicht in die Kirche? Und außerdem war früher hier ein Kloster, also was soll uns schon passieren?“, warf ich ein.

Als der ganze Unterricht überstanden war, stürzten sämtliche Schüler ins Wochenende. Wir wussten, wo der Keller war. Als wir uns vergewissert hatten, dass auch wirklich alle weg waren, liefen wir mit einem mulmigen Gefühl zur steinernen Treppe. Wir sahen herab und erblickten eine Tür. Ob dahinter der Schatz war? Der Gedanke erschien lächerlich, jedoch war er da und mit steigender Neugier näherten wir uns der Tür. Sie ähnelte der Haustür bei mir daheim. Das Holz war pechschwarz, als wäre ein Brand gewesen. Das eingesetzte Fenster war staubig und verdreckt. Außerdem war das Holz schon an vielen Stellen abgeblättert. Sie schien ziemlich schwer zu sein. Ich hörte den Atem Peters, der so dicht hinter mir stand, dass ich ihn spürte. Johanns Blick schien an der Tür zu kleben. Ich drehte meinen Kopf über meine Schulter und sah die zwei an. Ich erwartete, dass sie etwas sagten, aber sie blieben still. Kein Schüler war mehr in der Schule und das war gut so. Mein Blick wendete sich wieder der Tür zu. Sie hatte eine Eisenklinke, die auch rabenschwarz war. Sie hatte eine kunstvolle Wellung und dann eine Schnecke. Meine Hand glitt zitternd zur Tür. Sollte tatsächlich dahinter ein Schatz sein? Hoffte ich nicht irgendwie, dass sie abgeschlossen war? Ich wusste nicht genau. Die Eisenklinke war eiskalt, meine Glieder wirkten klamm und unter meinen Knien schmerzte es. Er war ein unangenehmes Gefühl in die Dunkelheit zu starren. Sofort bemerkte ich, dass es kein Fenster darin gab. Noch einmal blickte ich zurück. Sie nickten. Vorsichtig, als würden wir auf einem Seil balancieren, gingen wir hinein. Hinter einer Ecke schien ein Feuer zu flackern. Es roch nach Pech, das genauso schlimm, wenn nicht noch schlimmer roch, als unter die Nase gehaltene verfaulte Eier. Mit zusammengepressten Zähnen lief ich tiefer in den Raum hinein. Ich lugte vorsichtig um die eine Ecke. Dort sah ich zufrieden eine Pechfackel, die schaurige gelbe Schatten über den grauen Boden warf. Er war aus kaltem Stein. Hier und da sah man Risse in der Wand. Ich bemerkte, dass es eine Tür gab. Peter schlich zu mir. Ratlos standen wir zwei da und starrten auf eine weitere Tür. Die Angeln waren alt und verrostet, es war das gleiche Muster wie auf der ersten, bloß diese Muster sahen älter aus, viel, viel älter. Und in einer Wandlücke war Moos, das aber so aussah, als hätte jemand versucht es zu entfernen. Mir fiel dies mit einem Schrecken auf. Es gab nur einen in der Schule, der sich Mühe gab alles in Schuss zu halten. Hausmeister Stöckel! Sollte er vor uns hier gewesen sein? Nein, das ergäbe keinen Sinn, denn dann hätte er die Spuren erst gar nicht gelegt, denn er würde sicher nicht wollen, dass wir wissen, dass er hier war. Ja, ich glaubte nun mit Verbissenheit, dass der Hausmeister mehr wusste als wir. Johann trat zu uns. Sein Gesicht war teils vom Schatten bedeckt, teils schimmerte es im Fackellicht. Wie angewurzelt standen wir vor der Tür. Sollten wir sie aufmachen? Es war schon spät. Und da war eine Stimme im Hinterkopf, die mir streng, im Lehrertonfall sagte: Du wirst gewaltige Schwierigkeiten bekommen, geh raus, bitte! Es war etwas Flehentliches in der Stimme, das zum Schluss immer deutlicher wurde und wie eine reale Stimme klang. Es war die Stimme meiner Schwester. Doch Befehlen muss man ja nicht gehorchen, meinte zweite Stimme trocken, diese jedoch klang so trocken und so leicht und vor allem überzeugend, als würde sie das Problem demnächst mit einem Vertrag geschäftlich klären. Wenn dahinter der Schatz wäre, so müsste Vater nicht mehr arbeiten. Die zweite Stimme hatte mich zuversichtlich gemacht, genau das Richtige zu tun. So fasste ich den Entschluss. Ich musste wissen, was hinter der Tür ist. Mein Herz pochte vor Erwartung. Ich zitterte immer heftiger. Ich packte den Griff mit beiden Händen. Er war ebenso eiskalt. Ich zog an der Tür. Nichts geschah. Nicht einmal der Griff konnte bewegt werden, als wäre er versteinert. „Geht nicht!“, sagte ich etwas lauter, als ich wollte. Ich wich zurück. Zu gewaltsam wollte ich nicht vorgehen. Johann versuchte sein Glück. Er umfasste mit einer Hand die Klinke von oben, mit der anderen von unter und stemmte sich mit voller Kraft darauf. Sein Gesicht verzerrte sich. Er schaffte es nicht. Mit Ächzen wich er zurück. Peter stand noch da. Wir sahen ihn an. „Ihr wisst schon, ich kann nicht!“, sagte er den Blick erwidernd. Ich wusste, dass er das auch gesagt hätte, wenn er nicht verletzt gewesen wäre. So sah ich Johann an.

Mein Freund blickte viel sagend zurück. Wir beide mussten die Tür zusammen öffnen. Ich wusste, dass sie nicht verschlossen war, sondern nur der Hebel klemmte. Mein Herz pumpte immer schneller Blut in meine Arme, die mit Gewalt drückten. Meine Muskeln spannten sich. Der Druck ließ meinen Kopf rot werden. Mein Gesicht verzerrte sich beängstigend. Ich wollte den Schatz haben, er sollte mein sein. Meine Gier stieg mir in den Kopf und kam dann als Kraft in meine Arme. War Benno nicht genauso? Erschrocken über den Gedanken genauso zu sein wie Benno, lockerte ich meinen Griff vor Entsetzen. Ich hatte für kurze Zeit genau das getan, was ich nie tun wollte. Doch es forderte seinen Preis, zu spät. Der zerreißende Knall hallte über den Hof. Er bahnte sich rücksichtslos seinen Weg. Alle mussten es gehört haben. Und jeder, der es hörte, wurde durch das Geräusch zum Erstarren gebracht. Die Raben stoben verschreckt auseinander. Sie krähten vor Empörung auf dem Pausenhof. Der Ton war furchtbar laut gewesen, wie wenn ein Drache seine Verankerungen aus Eisen und Metall von sich sprengte. Johann stand wie ein begossener Pudel da. Sein Gesicht war vor Entsetzen weiß. In seinen schmerzenden Händen lag der verrostete Türgriff. Die Tür war gewiss offen, das bezweifelte ich kein bisschen, genauso wenig, wie dass ich sämtliche Schulregeln gebrochen hatte, die ich kannte. Nur Peter brach die Stille mit einem lauten Schlucken. Und da war plötzlich eine zweite Stimme, die einfach keine Täuschung sein konnte. Wir sahen uns an. Wir dachten alle dasselbe, als wären wir eineigene Drillinge. Herr Stöckel dröhnte vor Zorn: „Jetzt habe ich euch, jetzt hab ich sie, jetzt sind sie eindeutig zu weit gegangen! Jetzt ist der Stock fällig!“ Seine Stimme schwoll unangenehm an. Sie ähnelte dem einer Krähe. Würden wir es schaffen raus zu kommen? Sollten wir tatsächlich hinausstürzen? Hausmeister Stöckel war gewiss nicht mehr so flink wie wir, doch schien er durch seinen Zorn in der Lage zu sein Dinge zu tun, die er vorher nicht einmal im Traum hätte beherrschen können. Mein Herz pochte mir bis in den Hals. In meiner Kehle schien der Kloß Kinder bekommen zu haben und schwoll heftig an. Doch wahrscheinlich würde dies nichts im Vergleich zu dem sein, was uns jeden Augenblick erwartete. Ich stand da, als schaue ich in die Augen einer Medusa. Meine Gedanken schlugen Räder und machten Spagate, als hätte die Zirkusshow soeben begonnen. Und da die Clowns so untalentiert waren, musste der Vorhang zugezogen werden. Am liebsten wäre ich aufgewacht, doch manche Träume mussten ausgeträumt werden. Wir drei wogen ab, was wir tun sollten, doch die Zeit lief uns davon. Es kamen Tausende von Gedanken, die mir das Denken schier unmöglich machten. Würde ich mir die größte Tracht Prügel einhandeln, die je ein Schüler an der Oberrealschule bekam? Sollte ich schon innerhalb von ein paar Wochen von der Schule fliegen?

(Benjamin Geißler, 7a)

Und dieses Bild sollte in deiner Geschichte eine wichtige Rolle spielen, wenn du die nächste Fortsetzung schreibst: