Der bisherige Roman:

„Willman, schließ’ das Fenster! Bei dem ständigen Getrappel könnt ihr euch nicht konzentrieren!“, ertönte die strenge Stimme von vorne, als ich gerade angestrengt versuchte meinen grauen Faden durch das winzige Nadelöhr zu zwängen. Neben mir hörte ich Johann entnervt seufzen. Dankbar legte ich mein Nähzeug, wenn auch nur für kurze Zeit, zur Seite. „Ja, Herr Elstner“, erwiderte ich artig und stand auf.

Ich konnte mir ein Grinsen kaum verkneifen. Wenn ich meine einheitlich schwarz gekleidete Klasse so im Stehen betrachtete, schienen nicht nur mein Freund und ich Probleme mit dem Einfädeln zu haben. Was war das nur für ein blödsinniges Fach? Wir hatten doch sowieso keine Mädchen an der Schule! Langsam schlenderte ich durch die Reihen meiner lieben Mitschüler zu dem großen, offen stehenden Fenster. Vier Wochen war es nun her, seit ich hier an der neuen Oberrealschule in die Untersekundarstufe eingeschult worden war. Ich war in einer vergleichsweise kleinen Klasse gelandet, wir waren nur 39 Jungen. Unser Klassenzimmer lag direkt unter der schönen Aula, an der Straßenseite des Schulgebäudes, das Traben der Pferde und Scheppern der Kutschen war bei offenem Fenster nicht zu überhören. Das schien unsere wunderbaren Lehrer zu stören. Keine Ahnung, warum. Ich lehnte mich auf den Fenstersims und blickte beinahe stolz auf die große Kapuzinerstraße, die an der Eingangsseite des massigen Gebäudes entlangführte. Es zog eine Kutsche nach der anderen vorbei, wie gewohnt herrschte reger Verkehr. Ab und zu drangen vereinzelte Wortfetzen der vornehm gekleideten Passanten herauf. Die Luft roch nach Pferdemist. Vor fast hundert Jahren lebten hinter dieser Mauer, an der ich gerade lehnte, noch die streng gläubigen Kapuzinermönche. Das war für mich kaum vorstellbar! Jetzt stand ich hier als Schüler und musste mich mit der doch so fabelhaften Kunst des Nähens herumschlagen. Wie die Zeit verging.

Da wurde es hinter mir in der Klasse auf einmal unruhig. Das ständige Murmeln wurde durch aufgeregte Rufe ersetzt. „Konrad, komm schnell her!“, rief Johann mir zu. Schnell schloss ich das Fenster und drehte mich um. Ein paar der Jungen waren aufgestanden und fuchtelten wild in der Luft herum, andere reckten neugierig die Köpfe. Auslöser des Ganzen war der kleine Peter, er saß stumm und mit weißem Gesicht auf seinem Stuhl in der Mittelreihe. Die linke Hand streckte er weit von sich. Mitten in der Handfläche steckte die silberne Nadel. Ich meinte ihre Spitze aus der Unterseite hervorblitzen zu sehen. Es tropfte rot auf seinen Tisch. Schnell sah ich weg. Oh Gott. Ein Grund mehr, das gefährliche Nähen aus dem Lehrplan zu streichen!

Mein Banknachbar winkte mich strahlend zu sich. „Hey, das hättest du sehen müssen! Er ist voll mit der Nadel ausgerutscht und –zack – drin war sie! Wahnsinn! Ganz durch!“, berichtete er mir voller Begeisterung. „Ja, ähm, echt toll“, flunkerte ich mit einem schiefen Grinsen und ließ mich auf meinen braunen Holzstuhl sinken. Ich konnte einfach kein Blut sehen. Aber das erzählte ich meinem Freund nicht. Noch nicht. „Ruhe! Setzt euch zurück auf euere Plätze, aber schnell!“, endlich hatte auch Herr Elstner gemerkt, was passiert war. Er war aufgestanden und blickte hinter seinem Pult gebieterisch über die Klasse. Die dicke Hornbrille vergrößerte seine Augen um ein Vielfaches.

„Peter Blumenstein, habe ich nicht oft genug gesagt, ihr sollt mit der Nadel nur direkt über dem Tisch stechen? Ein leichter Druck genügt. Herrgott, Kind, was hast du gemacht? Rühr bloß nichts an, wir gehen sofort zum Schulsanitäter, hörst du? Sofort! Und ihr bleibt sitzen, macht euere Arbeit weiter und rührt euch nicht von der Stelle, bis ich wieder zurückkomme!“ Mit diesen Worten schob der Oberschullehrer Peter vor sich aus dem Klassenzimmer und schloss geräuschvoll die Tür hinter sich.

Natürlich wurde es danach erst recht laut in der Klasse. Jeder unterhielt sich mit jedem über Peters Lochstecherei. „Total durchgespießt!“, wiederholte Johann mit einer mir unverständlichen Faszination. Er schob unsere langen Fäden achtlos zur Seite und setzte sich auf die Doppelbank. Wie alle anderen trug auch er einen schwarzen Anzug mit der blauen Schulkrawatte über dem hellen Hemd. Er hatte dichte Wimpern und überhaupt eher weibliche Gesichtszüge.

Aber ich hatte mich schon am ersten Schultag super mit ihm verstanden. Da musste ich grinsen. An jenem Tag, als wir nebeneinander gesetzt wurden, hatte er mir erzählt, er heiße Magdalena und habe sich als Mädchen auf die Schule geschlichen. Ich solle es bloß niemandem verraten! Ich muss sagen, ich hätte ihm das glatt abgenommen, wenn er nicht ein paar Minuten später vor Lachen fast vom Stuhl gekippt wäre. Verschmitzt hatte er mir gestanden, er heiße Johann Mühlhausen und sei ein Junge wie jeder andere hier an der Schule. Ich war fast ein wenig enttäuscht.

An diesen Tag denkend setzte ich mich immer noch grinsend neben meine Freundin namens Johann auf den Tisch. „Na, Magda, was wollen wir aus dem Fenster hängen? Für irgendwas müssen diese dämlichen Fäden doch gut sein“, fragte ich ihn. Begeistert durchwühlte er seinen Schulranzen. „Mmh, ich hätte da einen Apfel anzubieten!“ Stolz hielt er mir sein Pausenbrot unter die Nase.

Vor Vorfreude kichernd banden wir die Schnüre aneinander, wickelten das Ende einige Male um den Apfelstiel und sicherten das Ganze mit mehreren Knoten. Johann ließ den Apfel probeweise hin- und herpendeln. „Hält“, stellte mein Banknachbar schlau fest. „Schaut mal, Johanns Apfel braucht frische Luft!“, brüllte ich quer durch das Klassenzimmer und öffnete das Fenster, das ich vor kurzem erst geschlossen hatte. Mein Komplize und ich kletterten lachend auf den breiten Fenstersims, während sich ein Großteil der Klasse erwartungsvoll unter uns versammelte. Ich wickelte mir das andere Ende der Fäden um die Hand und streckte meinen Arm aus. Die Jungen feuerten mich an. Auf der Straße wurden die Kutschen gezogen. „Uuuund los!“, rief Johann.

Sein Pausenbrot segelte senkrecht nach unten. Gespannt verfolgte ich den Flug. Schließlich spürte ich einen Ruck und der Apfel wurde von den Fäden gehalten. Einige Passanten sahen erstaunt nach oben. Hinter mir jubelte die Klasse und die Schüler verteilten sich aufgeregt an den anderen Fenstern, um besser sehen zu können. Ich fühlte mich super. Mit unseren freien Händen schlugen Johann und ich ein. Da hielt direkt unter meinem Fenster eine Kutsche. „Geh tiefer!“, schrie jemand aus dem Zimmer. „Ja, versuch mal, ihr Dach zu berühren!“, jauchzte mein Freund. Ich beugte mich etwas weiter aus dem Fenster. Noch ein kleines Stück…

„Was zum Donnerwetter treibt ihr hier?“ Mit einem lauten Knall flog die Klassenzimmertür zu und ich hörte Herrn Elstner mit energischen Schritten durch das Zimmer eilen. Oh verdammt. Die Klasse war augenblicklich still. Neben mir zog Johann scharf Luft ein. Mein Herz pochte wie verrückt. Hektisch zog ich den schwingenden Apfel nach oben. Die Kutsche fuhr weiter. Meine Hände zitterten. Schließlich drehte ich mich um. Erwischt. „Kommt sofort vom Fensterbrett herunter!“, brüllte er uns an. Langsam stiegen wir herab. Ich wagte nicht, meinem Lehrer in die Augen zu sehen, welche gefährlich hinter seiner Brille blitzten. „Setzen!“, befahl er dem Rest der Klasse. Das vorsichtige Stühlerücken der betretenen Schüler durchbrach die scheinbar endlose Stille. Der Lehrer schnaubte wütend. „Ihr bekommt jeder 15 Schläge, danach geht ihr auf der Stelle zum Hausmeister und berichtet ihm ausführlich euere Tat! Für Jungen wie euch hat der gute Mann immer etwas Schweißtreibendes zu tun!“ Ich wusste nun, wie es sich anfühlt, wenn jemandem ein Stein vom Herzen fällt. Erleichtert sahen Johann und ich uns an. Ein Glück, dass wir nicht zum strammen Max geschickt wurden! Wir waren zwar noch nicht lange an der Schule, aber alle wussten aus Berichten der Größeren, dass mit unserem Schulleiter, Max Weyrauther, überhaupt nicht zu spaßen war. Herr Elstner ging zum Lehrerpult. „Vortreten!“, herrschte er uns an. Was dann geschah, war trotzdem ziemlich unangenehm.

Als ich endlich mit Johann vor der Tür stand, um unsere Strafe bei Hausmeister Stöckel abzuholen, waren meine Finger taub vor Schmerzen. „Tja“, grinste mein Kumpel resigniert, während er sich die Hände ausschüttelte, „in den Anfangswochen schon die erste 15 Schläge abzubekommen, das soll uns erst mal einer nachmachen!“ Ich musste losprusten. „Stimmt. Da gibt’s sicher nicht viele. Wohin müssen wir jetzt eigentlich?“, fragte ich ihn. „Zum Hausmeister“, war die hilfreiche Antwort. „Ach nee, echt? Mensch Magda. Nein ich meine, ob du weißt, wo der Stöckel aufzufinden ist. Ich hab’ keine Ahnung, ich war noch nie bei ihm“, lachte ich. „Ach so. Ich glaub, der ist immer irgendwo oben. Genau, weißt du, einen Stock über uns, da hinten im Gang, da geht doch so eine Holztreppe hinauf! Dort könnte doch seine Wohnung sein, oder?“ Ich nickte. Die Treppe hatte ich schon einmal gesehen.

Also gingen wir geradeaus den ersten der beiden Steintreppenabschnitte hinauf, die man erklimmen musste, um in die Aula, das Rektorat oder, in unserem Fall, zum Hausmeister zu kommen. Danach hatte man die Wahl: man konnte rechts oder links die letzten Treppen hinaufsteigen, bis man endlich im zweiten Stock angelangt war. Damit die Wände nicht so trist aussahen, hatte man große Säulen in den grauen Stein gemeißelt und es gab einige Aushänge mit den neuesten Verlautbarungen der hohen Lehrerschaft und über das Leben der Kapuzinermönche.

Wir spurteten den rechten Treppenabschnitt hinauf und wären dort fast mit Peter zusammengestoßen, der einen dicken Verband um die linke Hand trug. „Oh, was macht ihr denn hier?“, fragte er erstaunt und strich sich mit der Rechten seine hellen Haare aus dem Gesicht, das wieder einen normalen Farbton angenommen hatte. Feixend hielten wir unsere rot gestreiften Hände vors Gesicht und erzählten ihm von Johanns Apfel, der uuundbedingt an die Luft musste. Der kleine Blumenstein war tief enttäuscht, unseren Streich verpasst zu haben. Er hatte die Nadel ohne Probleme selber entfernen können und die Wunde dann vom Schularzt desinfizieren lassen.

„Kann ich nicht mit euch kommen? Der Elstner ist sicher immer noch stinksauer und ich bin sowieso unfähig, zwei Stoffe zu vernähen“, erklärte er uns kichernd. Johann und ich tauschten einen kurzen Blick aus. „Klar“, sagte mein Banknachbar. Zu dritt bogen wir rechts in den Flur ab und schon konnten wir die geschwungene Treppe nach oben sehen. „Und hier wohnt der Stöckel?“, zweifelte Peter. Ich zuckte mit den Achseln und prophezeite: „Wir werden es herausfinden!“ Johann lachte auf. Als ich durch eines der Fenster in dem Gang hinunter sah, hatte ich gute Sicht auf den Pausenhof und das Toilettengebäude dahinter.

Dann standen wir am Fuß der Treppe. Etwas mulmig war mir schon. „Na dann mal rauf hier!“, ermutigte Peter uns, ich wedelte nur mit meiner noch schmerzenden Hand. Als erster wollte ich nicht hinaufgehen. Endlich fasste Johann sich ein Herz und begann, die schmale Treppe hinaufzusteigen. Er hielt sich mit einer Hand an der Wand, mit der anderen an dem verzierten Geländer fest. Peter und ich gingen ihm hinterher. Die Stufen knarrten bei keinem unserer Schritte. Es roch nach frisch verarbeitetem Holz.

Johann Mühlhausen klopfte energisch an die Tür. „Das tut weh“, presste er zwischen zusammengebissenen Lippen hervor. Hinter der Tür rührte sich nichts. Nun pochte Peter mit seiner gesunden Rechten dagegen. Immer noch nichts. „Vielleicht ist ja offen“, überlegte ich und drückte ohne rechte Hoffnung die Klinke herunter. Siehe da – mit leichtem Quietschen schwang die Tür problemlos auf. Verdutzt starrten wir hinein. Schwarz. Ohne jede Hemmung trat Johann ein. „Hallo?“, rief er und verschwand in der Finsternis.

Schon nach wenigen Sekunden kam er wieder zurück. „Ich glaube, das hier ist ein Flur und am Ende ist eine weiter Tür“, berichtete er uns. Peter drängte mich von hinten durch den Türrahmen. „Hey!“, protestierte ich. „Nix da! Rein mit dir!“, widersprach er. Johann hatte wohl recht mit seiner Vermutung gehabt, nur, wohnte hier wirklich der Hausmeister? Und was hatten wir überhaupt für ein Recht, einfach so in einem unbekannten Flur herumzustöbern?

Meine Augen gewöhnten sich nur langsam an die Dunkelheit und ich tastete mich voran. Plötzlich stießen meine Füße gegen einen Widerstand und ich verlor das Gleichgewicht. Mit voller Wucht flog ich nach vorne. Ich ruderte noch verzweifelt mit meinen Armen und bekam den Anzug von Peter oder Johann zu fassen, ich wusste es nicht. Mit viel Krawall riss ich meinen Vordermann zu Boden.

„Mensch, pass doch auf!“, fuhr mich die ärgerliche Stimme des kleinen Blumenstein vor mir an. Es war also Peters Anzug gewesen. Ich entschuldigte mich vielmals und gemeinsam rappelten wir uns auf. „Was zum Teufel tut ihr hier?“, donnerte plötzlich eine Stimme hinter uns.

Erschrocken drehte ich mich um. Die hünenhafte Gestalt eines Mannes im Türrahmen hielt eine flackernde Kerze in der Hand. Bedrohlich baute sie sich vor uns auf. Noch ein paar Zentimeter und der Riese würde sich den Kopf anstoßen. Nervös klopfte ich mir den Staub von der schwarzen Weste. „Wir…äh…wir suchen...“, stotterte ich. „…den Hausmeister und wussten nicht genau, wo er zu finden ist“, beendete Johann Mühlhausen ruhig meine misslungene Antwort. Wie schaffte er das bloß?

„Und deshalb lungert ihr in meinem Flur herum? Habt ihr schon mal was von Privatsphäre gehört? Seid ihr Neulinge oder was? Klein genug seid ihr ja.“ An dieser Stelle schnaubte Hausmeister Stöckel verächtlich, „Pff, Schüler, immer Schüler! Was wollt ihr? Habt ihr eueren Schal verloren? Ist die Toilette verstopft? Oder zur Abwechslung mal ein Tintenfass ausgelaufen? Sonstige Wehwehchen? Dann kann ich euch jetzt auch nicht helfen, ich hab zu tun. Was bildet ihr Schüler euch eigentlich ein? Dass ich bei jedem kleinsten Piep von euch mit dem Putzeimer angerannt komme?“ Endlich ging ihm der Atem aus und der gereizte Mann musste Luft holen. Diesen Moment nutzte mein Banknachbar, um ihm den Grund unseres Kommens zu erklären. Stöckel rieb sich vor Freude die Hände, als er erfuhr, dass er unsere Strafe bestimmen sollte. „So ist’s recht. Ich habe genau das Richtige für euch. Die Bibliothek muss unbedingt aufgeräumt werde. Die Bücher gehören abgestaubt und sortiert. Außerdem liegen überall lose Blätter und Mappen herum. Nach dem Umzug in dieses Gebäude wurde alles einfach in die Regale gestellt, oder daneben gestapelt, wie man das Zeug gerade in der Hand hatte. Das hätte ich demnächst machen müssen. Praktisch, praktisch. Ihr fangt sofort damit an!“, freute er sich diebisch. Die ganze Bibliothek? Neben mir blies Johann die Backen auf. Das war heftig. Hausmeister Stöckel kam näher und betrachtete uns im Kerzenlicht. „Und du? Was hast du noch hier verloren? Du warst doch gerade erst beim Schularzt. Hast du keinen Unterricht? Hä?“, fuhr er Peter an. Dieser Hausmeister schien auch alles zu wissen! „Ähm, nein. Ich habe mich befreien lassen und wollte den beiden helfen“, flunkerte dieser. Dankbar sah ich ihn an. Zu dritt würde die Bibliothek sicher schneller aufgeräumt sein. „Aha, so einer bist du. Immer schön den Freunden helfen. Soso. Jetzt aber runter, die Bücher rufen schon nach euch! Ihr müsst heute fertig werden. Ich komme mit, es ist abgeschlossen“, befahl der Strafverteiler uns.

Ein Stockwerk weiter unten schloss er uns einen kleinen Raum auf. Das Chaos war überwältigend. Schadfroh schob er uns drei Aufräumer hinein und schloss die Tür hinter uns. Ratlos blickten wir uns an. Kurz darauf wurde sie wieder einen Spalt geöffnet und der Hausmeister steckte seinen großen Kopf nochmals herein. „Ich werde euch hier drinnen einsperren“, verkündete er uns listig lächelnd und wir hörten ihn fröhlich mit seinem voll behängten Schlüsselbund klimpern, „damit ihr nicht auf die Idee kommt, euch vor der Arbeit zu drücken und einfach abzuhauen.“ – aus dem Blickwinkel konnte ich erkennen, wie Johanns Gesichtsausdruck sich verdüsterte – „In vier Stunden komme ich wieder. Solltet ihr schneller fertig sein, was ich stark bezweifle, gibt es, wie ihr dann sicher gemerkt habt, sehr viele Bücher, mit denen man sich die Zeit vertreiben kann. Viel Spaß!“ Damit zog Stöckel endgültig die Türe zu und ich vernahm das Klicken eines eingerasteten Schlosses. Der Schlüssel wurde hineingesteckt und ein, zwei, dreimal herumgedreht. Da wollte wohl jemand ganz sicher gehen. Schwere Schritte entfernten sich.

 „So ein Mistkerl!“, fluchte Johann und trat wütend gegen die verschlossene Tür. „Ich würde sagen, der Stöckel hat eindeutig seinen Beruf verfehlt“, meinte ich und schüttelte fassungslos den Kopf. Peter stimmte mir zu: „Aber wirklich. Wie kann man Hausmeister an einer Schule werden, wenn man gegen alle Schüler eine grundsätzliche Abneigung hat? 'Aha, so einer bist du. Immer schön den Freunden helfen. Soso’ “, äffte er den Schülerhasser nach, „Wahrscheinlich hat er selbst keine Freunde“, mutmaßte ich und lehnte mich an ein freies Stück der steinernen Wand. Der Raum war viel zu klein für diese großen Massen an Papier. Zwischen den überquellenden, hölzernen Regalen lagen vergilbte Blätter lose verstreut am Boden und an den Wänden stapelten sich diverse Dokumente.

„Oh mein Gott, das schaffen wir doch nie!“, seufzte ich ziemlich niedergeschlagen. Einen Moment lang betrachteten wir einfach nur schweigend diese fast unmögliche Unordnung. „Warum bist du mit uns gekommen, Peter? Du hast doch mit all dem hier überhaupt nichts zu tun. Konrad und ich haben uns das eingebrockt“, fragte mein Banknachbar leise. Der kleine Blumenstein zuckte die Achseln. „Irgendwie habt ihr mir Leid getan.“, erklärte er grinsend. „Naja, fangen wir mal an, oder? Zusammen schaffen wir das schon!“ Ab diesem Zeitpunkt hatte ich das Gefühl, in Peter, gemeinsam mit Johann, einen neuen Freund gefunden zu haben.

Während die beiden anderen die herumliegenden Blätter einsammelten, begann ich die alten Bücher mit einem noch älteren Lappen abzustauben, den ich auf einem Stapel Dokumente gefunden hatte. Das war eine ziemlich langwierige Angelegenheit. Jedes Buch musste einzeln von einem Stapel genommen, abgestaubt und entsprechend der Nummer auf dem Buchrücken an seinen Platz gestellt werden. Die Zeit schien stillzustehen. Ständig hatte ich den Geruch alten Papiers in der Nase. Ich musste niesen. Dann wurde das nächste Buch vom Staub befreit und einsortiert. Gähnen. Ich hörte, wie sich meine Freunde leise unterhielten.

Langsam ließ ich meinen Blick über die lange Reihen Bücher wandern. An einem ziemlich unscheinbaren Buch blieb ich hängen. Irgendwie passte es nicht zwischen die anderen. Neugierig zog ich es heraus. Es hatte einen grauen Einband und war viel kleiner und dünner als die übrigen. Als ich es aufschlug, flog mir ein vergilbter Briefumschlag entgegen, der zwischen den Seiten gelegen hatte. „Huch!“, entfuhr es mir. Ich bückte mich, um ihn aufzuheben. Empfänger stand keiner darauf. Als ich ihn umdrehte, erkannte ich ein schweres, rotes Siegel. Der Brief war nie geöffnet worden. Mein Interesse war sofort geweckt.

Aufgeregt rief ich nach Johann und Peter: „Hey! Schaut mal, was ich gefunden habe! Einen Brief!“ Sofort eilten meine beiden Freunde her. „Wow, der ist bestimmt schon uralt!“, mutmaßte Peter, „schaut mal, wie vergilbt das Papier schon ist.“ Ehrfurchtsvoll betrachteten wir den Brief. „Los, mach ihn auf schon auf!“, drängte Johann mich schließlich. „Aber wenn der Stöckel erfährt, dass wir einen alten Brief gefunden und gelesen haben…“, warf ich zögernd ein. „Ach komm schon“, drängte jetzt auch Peter, „der wird schon nichts merken! Wie soll er auch?“ Da siegte auch bei mir die Neugier über meine Furcht. Langsam riss ich das schwere Siegel auf. Ich zog gespannt das kleine Blatt heraus und las laut vor:

…und die wichtigste Stelle ist natürlich unleserlich!“

„Boa! Diese Werke müssen wir finden! Die sind bestimmt eine ganze Stange Geld wert. Wo sie doch schon fast 100 Jahre alt sind. Stellt euch mal vor, dann könnten wir uns alles leisten, wie der reiche Benno aus unserer Klasse. Ich würde mir erst einmal ein Fahrrad kaufen…mit so viel Geld…“, schwärmte Johann. „Jetzt bleib doch mal realistisch“, brachte ich ihn auf den Boden der Tatsachen zurück, „meinst du echt, dass drei 11jährige Jungen wie wir irgendwelche Werke von diesem Typen und seinen Schülern finden? Wir wissen weder, wer er war, noch was er gemacht hat. Abgesehen davon ist unsere Schule doch erst vor kurzem in dieses neue Gebäude hier gezogen.“ Betreten schaute Johann zu Boden.

„Hey Peter, was sagst du dazu?“ Der Angesprochene starrte gedankenversunken an die Wand. „Hal – lo, Pe – ter!“ Der kleine Blumenstein schreckte auf. Dann sagte er: „Wie heißt dieser Mann noch mal, von dem der Brief ist?“ Ich schaute auf die Unterschrift des Briefes. „Leopold von Westen. Warum fragst du?“ Peter erklärte: „Mein Vater ist Historiker und hat mir vor ein paar Tagen was über unsere Schule erzählt. Dieser Leopold von Westen hatte früher hier in Bamberg eine Zeichenakademie und die war sozusagen der Vorläufer unserer heutigen Oberreale. Aber er war nicht nur irgendein Zeichner, sondern der Fachmann für Fortifikation und Artilleriewissenschaft im damaligen Fürstbistum Bamberg!“ „Forti... was?“, fragte ich nach. „Fortifikation, das bedeutet Planung und Bau von Festungsanlagen, und Artillerie ist der Teil des Militärs, der sich mit der Zerstörung solcher Festungen beschäftigt“, klärte uns Peter auf, „unser Leo Westen war also Fachmann für Rüstungsindustrie!“ „Naja, Industrie, Fabriken und all so was gab es ja wohl am Ende des 18. Jahrhunderts noch nicht!“, protestierte Johann und Peter räumte ein: „In Ordnung, Industrie nehme ich zurück, aber ein Fachmann im Bereich Rüstung war er damals auf jeden Fall, und zwar auf europäischem Niveau, schließlich hatte er auf fürstbischöflichen Befehl Studienreisen nach den Niederlanden, Preußen, Österreich, Ungarn und in viele andere Gebiete unternommen und die dortigen Festungsanlagen studiert, so steht es in den Akten, die mein Alter zur Zeit daheim wälzt. Und in seiner Schule wurden sicher nicht nur nette Bildchen gemalt, sondern geheime Pläne für neue Befestigungsanlagen entworfen. Kurz und gut, bevor er schließlich starb, vermachte er im Jahr 1803 seine gesamten Zeichnungen, Kupferstiche, Bücher und Modelle samt der von ihm gegründeten Schule dem Bayerischen Kurfürsten. Sein Werk soll damals 2000 Gulden wert gewesen sein. Natürlich blieben die Sachen in Bamberg, sie gehörten nur eben dem Staat. Und was passierte wohl mit dem geheimen Material, als 1813 auf einmal Napoleon in Bamberg anklopfte? Als Napoleon von den Zeichnungen erfuhr und diese natürlich sehen wollte, stellte sich heraus, dass das gesamte Material plötzlich verschwunden war. Man nahm an, dass Westens Schüler die Sachen versteckt hatten, damit sie nicht in falsche Hände gerieten, es war aber nichts aus ihnen herauszukriegen.“

Als Blumenstein geendet hatte, waren wir baff und sagten erst einmal gar nichts. Schließlich brach Johann das Schweigen. „2000 Gulden! Davon können wir uns ja gleich eine Kutsche kaufen und damit jeden Tag zur Schule fahren!“ „Ach Johann“ seufzte ich. Peter fragte: „Warum also sollen wir nicht danach suchen? Das wäre bestimmt spannender als der Schulalltag, das ist doch sowieso immer langweilig. Wenn man sich nicht gerade durch die Hand sticht oder einen Apfel zum Fenster heraushängt.“ Plötzlich kam mir die Idee gar nicht mehr so abwegig vor. „Aber wo sollen wir hier denn suchen? Das ist doch ein ganz anderes Gebäude als damals!“, zweifelte ich dennoch. „Mal angenommen, sie haben die Zeichnungen damals ähnlich wie den Brief versteckt…“, überlegte Johann und ließ seinen Blick bedeutsam über die Bücherreihen schweifen. „Oder aber unser strammer Max hat sie während des Umzugs unwissend im alten Gebäude gefunden und einfach zu den anderen Dokumenten in die Kisten gepackt.“ „Tja, auf dem Dachboden stehen noch massenweise unausgepackte Kartons herum“, führte ich seinen Gedankengang aufgeregt zu Ende. „Es könnte aber auch sein, dass die Zeichnungen durch den Umzug verschollen sind. Aber wir haben zwei Möglichkeiten zu suchen: hier und auf dem Dachboden“, mischte sich jetzt auch Peter ein. Ich steckte mir den geheimnisvollen Brief in meine Jacketttasche und wie auf ein geheimes Zeichen begannen wir, die Bibliothek sehr, sehr gründlich aufzuräumen…

Als nach drei Stunden auf einmal die Tür aufgesperrt wurde, durchblätterten wir immer noch einzelne Bücher. „Na ihr seid ja gut fertig geworden“, grummelte Stöckel. „Raus jetzt mit euch!“ Widerwillig schoben wir die Bücher zurück ins Regal. „Komm mal her, Kleiner“, fuhr Stöckel mich barsch an. Der Hausmeister beugte sich zu mir herunter und zog mir etwas aus der Tasche. Der Brief! Es hatte noch ein Eckchen aus der Tasche geschaut und dem Hausmeister mit seinen Adleraugen musste das sofort aufgefallen sein. Er grinste mich hämisch an und sagte: „Das hattest du, als du hineingegangen bist, noch nicht dabei. Ich schlussfolgere: Du hast es aus der Bibliothek entwendet. Und jetzt verschwindet, bevor ich den Direktor rufe!“, er schubste uns den Gang entlang, die Treppe hinunter. Zum Abschied rief er: „Haltet euch bloß fern von Dingen, die euch nichts angehen!“ Ich stutzte. Wusste Stöckel etwas über Leopolds Brief, schon bevor er ihn gelesen hatte? Hatte er etwa gelauscht? Wir rannten mit dem festen Willen davon, diese Bilder von Westen zu finden und mit der Sicherheit, dass wir nun nicht mehr alleine danach suchen würden, denn der Hausmeister schien genauso viel oder sogar mehr davon zu wissen, als wir…